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ROT UND SCHWARZ

Die Post, 1979

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

FÜR HELI

Heli Ihlefeld, Freundin Willy Brandts und PR-Chefin der Post: „Wenn die Post Verlust macht, sagen alle, die Post kann nicht wirtschaften. Wenn sie Gewinn macht, sie nutze ihr Staatsmonopol aus. Was können wir tun, damit die Leute die Post gut finden?“ Michael Schirner: „Gute Anzeigen“. Das Rezept für die Anzeigenserie der Post: Wir machen Anzeigen mit Fotos und Headlines, die miteinander nichts zu tun haben, aber in den Köpfen der Leser herrliche Geschichten entstehen lassen. Z.B. die Abbildung eines zähnebleckenden Hundes, darunter: „Die Post ist da“. Der Leser verbindet Bild und Text und denkt an den Briefträger, der mit zitternden Knien durch die Gärten der Leute gehen muss, wo bissige Hunde auf ihn warten. Und genau diese Geschichte wird im laufenden Text erzählt. Die Abbildung eines Sternenhimmels, unter der steht: “Einer ist von der Post“: Man denkt automatisch an den Fernmeldesatelliten der Post. Und bei der exotischen Insel mit der langen Telefonnummer denkt man an internationale Telefonverbindungen. Die 00612207411wurde von den Lesern so oft angewählt, dass die Anzeige darauf mit dem Zusatz erscheint: „Die Spiegel- und Quick-Leser haben schon herausgefunden, dass die Nummer die Zeitansage von Sydney ist. Sie können sich also den Anruf sparen“. Der Herr mit Kopfhörer auf der Anzeige mit der Headline „Das Fräulein vom Amt“ bekam unzählige Liebesbriefe. Der Texter Diethardt Nagel schickte sich einen falsch adressierten Brief und machte eine Anzeige daraus mit der Überschrift: „Wie die Post herausbekam, dass D. Nogel Dietdardt Nagel heißt und in Düsseldorf in der Jägerhofstraße 19 wohnt“. Im laufenden Text steht, wie die Post falsch und unvollständig adressierte Briefe den richtigen Adressaten zustellt. Die Anzeige machte D. Nogel schnell bekannt. Er bekam ständig Briefe mit falscher Adresse. Die Anzeigen in den Zeitschriften wurden geliebt und mit ihnen die Post.

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

Imageanzeige für die Post, 1979

GGK Düsseldorf, Die Post, 1979, Zeitschriftenanzeige

CREDITS

Auftraggeber: Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen
Agentur: GGK Düsseldorf
Kreativdirektor: Michael Schirner
Texter: Joachim Beutler, Diethardt Nagel, Julia Weiß
Artdirector: Holger Nicolai, Jürgen Heymen
Fotograf: Peter Droste, Rainer Fink, Axel Gnad, Joop Grijpink, Iver Hansen, Albert Schöpflin
Grafiker: Thomas Donner, Detlef Garlipp, Manfred Kamp, Detlef Krüger
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8 Minuten Bibel

Die Post, 1978

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

DIE LÄNGSTEN 8 MINUTEN, DIE ES JE GAB

Heli Ihlefeld, PR-Chefin der Post, bat GGK, für den neuen 8-Minuten-Zeittakt beim Telefonieren zu werben, denn alle regten sich auf, dass man jetzt nicht mehr so lang telefonieren könne wie früher und alle 8 Minuten nachzahlen müsse. Michael Schirner, sein Texter Bernd Arnold und Artdirector Helmut Rottke erzählten die Geschichte andersrum: Nicht, dass man jetzt weniger telefonieren kann als früher, sondern wie herrlich viel man in 8 Minuten am Telefon sagen kann. 8 Minuten sind nämlich eine ganz schön lange Zeit. Das zeigten sie mit die Plakattexten, die 8 Minuten lang sind z.B. 8 Minuten Luther-Bibel, 1. Buch Moses, 8 Minuten Speisekarte des Düsseldorfer Restaurants Nippon Kan gegenüber der Agentur, 8 Minuten „Jason und Medea“ von Grillparzer, 8 Minuten „Tischlein deck Dich“ der Gebrüder Grimm, 8 Minuten Lexikon von Fuchsjagd bis Fühlung, 8 Minuten Volkslieder, 8 Minuten Witze. Der Spaß des Publikums an der Werbung war so groß, dass die Kritik verstummte. Viele wollten die schönen Plakate haben. Das Plakatmotiv mit 8 Minuten Witzen war so gefragt, dass es nachgedruckt werden musste.

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

Großflächenplakat zur Einführung des 8-Minuten-Zeittakts der Post, 1978

GGK Düsseldorf, Die  Post, 1978, Großflächenplakat

CREDITS

Auftraggeber: Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen
Agentur: GGK Düsseldorf
Kreativdirektor: Michael Schirner
Texter: Bernd Arnold
Artdirector: Helmut Rottke
Grafiker: Susi Richli
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MICHAEL SCHIRNER, POPE

Düsseldorf, 1999

POPE, Pop-CD von Michael Schirner, 1999, CD-Cover

Michael Schirner, Pope, 1999, CD-Cove

WIR SPIELEN STÜCKE, DIE WIR MÖGEN
UND ZERSTÖREN SIE, SO GUT WIR KÖNNEN

1999 kooperierte Michael Schirner mit dem Musiker und Producer Suppi Huhn für das Album Pope mit CD und 12” Maxi Single. Anders als Glitch-Gruppen, die elektronische Pop-Songs mit Störgeräuschen produzieren, werden bei Pope Pop-Songs analog gespielt und digital bearbeitet; Klangmaterial sind Störgeräusche. Das Pope-Konzept: „Wir spielen Stücke, die wir mögen, und zerstören sie so gut wir können.“ Die Musik von Michael Schirner folgt dem Prinzip der Auflösung herkömmlichen Regeln für das Zusammenspiel von Melodie und Harmonie. Für Pope werden nicht nur Melodie und Harmonie zerstört, sondern auch der Rhythmus. Die Strukturen der Stücke werden aufgelöst, die Mikrostrukturen erscheinen. Die Klangerlebnisse sind extrem, den Hörgewohnheiten wird widersprochen: Unsatisfaction guaranteed!

Für die Nutzung von Pop-Songs wurden 11 Pop-Gruppen angefragt: The KLF What Time is Love, Ween Fat Lenny, Michael Nyman Memorial, LFO Love Is The Message, Beck Where It’s At, Daft Punk Rock’n Roll, Arrested Development Man’s Final Frontier, Calvin Rotane I Believe, Aborigene Alexa und Gary D. und BDP The Original Way. 10 Gruppen lehnten die Nutzung ihrer Songs ab, The KLF übertrug Pope die Nutzungsrechte für What Time Is Love. 10 Titel wurden analog gespielt und bearbeitet, jedes Stück zuerst in der Soft- und dann in der Hardcore-Version: Dark Green / Green; What Time / The King of Jamaica; Xenia, Princess of Jamaica / Xenia; No Love / Love; Ulli, The Mother; Trident of Jamaica / Trident; Silvana; 50 Peacocks / Pia; Miriam Shot the Pope; Help. 12” Maxi Single, A: Xenia Dub Mix, B1: Xenia Club Mix, B2: DJ Remix Tools.

Suppi Huhn von Chicken Records: „Pope setzt da an, wo KLF, Ween, Beck und Daft Punk aufhören. Pope ist für Elektro-Fans und alle, die Interesse an Neuem und Experimenten in der Pop-Musik haben. Pope führt Trendsetter mit den Stücken 1 bis 10, die soft und tanzbar sind, an die Hard-Core-Versionen 11 bis 19 heran. Das Material der Stücke stammt aus unterschiedlichen Stilrichtungen. Pope bietet Jugendlichen die Möglichkeit, mit extremem Musikgeschmack zu schockieren und zu demonstrieren, dass sie nicht Mainstream sind.“

dark green 3:38

what time 3:02

xenia, princess of jamaica 3:54

no love 3:10

ulli, the mother 3:55

trident of jamaica 3:28

Silvana minha terrorista 3:23

50 peacocks 3:09

miriam shot the pope 3:14

king of jamaica 3:26

 

help 1:04

green 3:00

xenia 3:05

love 3:01

ulli 3.08

trident 3:03

silvana 3:00

miriam 3:01

Credits: Michael Schirner Concept, Music & Spoken Voice; Suppi Huhn: Music, Production; DJ „Duck“ Anderson: Rap Vocals; Stefan Berkenfeld: Trobone; Suppi Huhn: Keyboard, E-Percussion; Jan Kazda: Bass; Oliver Kok: Trumpet; Monika Meyer: Opera Vocals; Sameh Mina: Drums; Andreas Reck: Vocals, Guitar; Cosima Russo: Chorus; Michael Schirner: Spoken Voice; Joana Smith: Chorus; Markus Wienstroer: String Arrangements; Günter Zulauf: Guitar; Verlag: Chicken Records; Vertrieb: Koch International.

Die Gruppe POPE sind Suppi Huhn, Thomas Junk und Michael Schirner

Die Gruppe Pope, Thomas Junk, Michael Schirner, Suppi Huhn, 1999

MICHAEL SCHIRNER, THE KING OF JAMAICA

Für die Aufnahmen des Pope-Musikvideos The King of Jamaica flogen Michael Schirner, Miriam und Pia Dehne, Uli Brahm und ihrer Tochter Xenia (8) nach Port Antonio, Jamaika ins Tridend, dem Hotel im englischen Landhausstil in grün und weiß mit Buchsbaumhecken und 50 Pfauen und Perlhühner.

Credits: Miriam Dehne: Script, Direction, Camera; Pia Dehne: Actress; Ulli Brahm: Actress & Photos; Xenia: Actress; Michael Schirner: Actor; Thomas Junk: Video Composing, Cover-Design, Booklet, Einladung, Poster etc.

Michael Schirner: „Ich danke Uli, Xenia, Pia, Miriam, Suppi und Thomas für Ihre Zusammenarbeit und ich danke allen, die mir gute Ratschläge gegeben haben: Diedrich Diederichsen, Andreas Dorau, Frank Fenstermacher, Jochen Hülder, Inga Humpe und Ulli Maier, dem Erfinder des Titels Pope.“

Echo auf die Pope:

„Unfortunately the material is not what we are looking for.“ Jeff Fenster, Jive Records N.Y.;

„Strange, aber interessant” Ralph Kotowski, Mercury/Polygram;

„Das ist Scheiße!” Walter Holzbaur, Wintrup Music; “Zu innovativ, aber die Soft- und Hardcore-Unterteilung ist lustig.” Michael Wolf,Virgin München;

„Klasse! Die Leute aus den Nachbarbüros sind gekommen und haben gefragt, ob ich jetzt übergeschnappt wäre.” Alfred Dübell, Koch International;

“Cooler Stuff”, Sacha Voss, Arcade;

“I was amused.” Inga Humpe, It Worx;

„Das Video ist ja mal der Hammer: Wenn der Track mich schon in meinen Grundmauern erschüttert, dann finde ich für die visuelle Umsetzung keine Worte. Musik für das 4. Jahrtausend?” Georg Roth, Dos or Die.

1999 und 2000 gab es Pope-Live-Auftritte von Michael Schirner, Suppi Huhn, Thomas Junk und Cosima Russo im Düsseldorfer Malkasten, im E-Werk Köln, HfG Karlsruhe und Hochschule für Künste Bremen.

POPE, Pop-CD von Michael Schirner, Leavelet, 1999

Michael Schirner, Pope, 1999, CD-Leavelet

POPE, Pop-CD von Michael Schirner, Leavelet, 1999

Michael Schirner, Pope, 1999, CD-Leavelet

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MICHAEL SCHIRNER, PLAKAT UND PRAXIS

Meterverlag, 1986

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Text auf dem Rücktitel: Werner Büttner

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Text auf dem Rücktitel: Werner Büttner, 1986

MEIN ARSCH GEHÖRT IHNEN

„Als Werner Büttner und Albert Oehlen vor zwei Jahren einen Verlag gründeten, bedurften sie exakt vier Dinge. Erstens eines Porträts des Illustrators Adolf Oehlen, dem Vater von Albert Oehlen, zweitens eines Brettes und drittens zweier Hämmer. Mit diesen Utensilien entwarfen sie das Programm des Verlages. Das Vaterporträt kündete dabei von der optischen Aufmachung künftiger Publikationen. Alle Bücher sollten ausschließlich mit Cartoons des Künstlervaters illustriert werden. Die drei übrigen Dinge gaben dem Verlag Rahmen und Namen. Aus Brett und Werkzeug montierten die Künstler ein Bücherbord, das die Hämmer als seitliche Buchstützen abschlössen. Dabei wurden sie derart installiert, dass sich zwischen ihren Schlagflächen ein Raum von exakt einem Meter Länge erstreckte. So gesellte sich zum Bildprogramm ein Produktionssoll. Es galt exakt so viele Bücher zu publizieren, dass sie genau den einen Meter des erstellten Bücherbordes ausfüllen. Folglich stand auch der Verlagsname fest: Meterverlag. Weitere Konditionen gab es für den jungen Verlag nicht.

Sechs Bücher zeugen bislang vom Bemühen der Verleger eine Bandbreite zu erstellen, die nicht nur den erforderlichen Meter füllt, sondern auch dem künstlerischen Äußerungsbedürfnis von Albert Oehlen und Werner Büttner seinen Raum gibt. Von beiden erschien das Buch Angst vor nice und von Werner Büttner der Gedichtband In Praise Of Tools And Women, des Weiteren, Mayo Thompson The Red Crayola, Gorky & Co., 33 Songs, Diedrich Diederichsen Elektra, Schriften zur Kunst, Sven Ake Johansson Gedichte und Gesänge, Michael Schirner Plakat und Praxis.“ Kunstforum Band 91, Realkunst

1986 bat Albert Oehlen Michael Schirner um Texte für ein Buch seines Meterverlags. Michael gab Albert zwei Texte: Das Plakat, eine Abhandlung über Gestaltung von Großflächenplakaten außerdem eine Sammlung von Briefen, die Gäste des S&M-Studios „Moderne Creation Düsseldorf“ an ihre Domina Gabi geschrieben hatten.

Titel: Michael Schirner Plakat und Praxis mit Illustration von Adolf Oehlen

Rücktiteltext von Albert Büttner:

„Traurig zu sagen, die mörderischen, kriegerischen Wahnsinnigen des Systems mit ihrem organisierten Massenmord. Krieg und Werbung – sie sind die schlimmste Scheiße von allem! Auf ihre Art sind sie schlimmer als Scheiße und Pisse und Verschmutzung! Sie sind mehr wie tödliches Gift. Sie sind wie verseuchtes, tödliches Typhuswasser, das Menschen tötet! Weißt Du, vor welcher Seuche sich die Welt heute am meisten fürchtet, und sie geraten darüber in Panik, und nötigen Dich, dagegen geimpft zu werden? Es ist die gefürchtete Werbung! Werbung ist giftiger, ansteckender Abfall, der Dich innerhalb einiger Stunden töten kann! Werbung ist die Kunst, die Menschen zu lieben/töten, ohne sie mit den Händen zu massieren, in sich einzuführen oder zu lutschen. Sie kann durch Fliegen, Fisch, Nahrung, Handcreme oder fast alles übertragen werden. Und ohne die Gnade des METERVERLAGES und sein wunderbares Heilen braucht sie nur ein paar Stunden, um auszubrechen, und Du bist hinüber!“

Seite 7, linke Spalte:

  1. Das Plakat in Beziehung zu sich.
  2. Dieser Beitrag hat zwei große Teile. Im zweiten Teil untersuche ich die Beziehung des Plakats zu den übrigen Medien der Kampagne, in der es erscheint. Im zweiten Teil beschäftige ich mich also nicht nur mit Plakaten, sondern auch mit Anzeigen und Filmen. Im ersten Teil untersuche ich die Beziehung des Plakats zu den übrigen Plakaten der Kampagne, von der es ein Teil ist. Es gibt drei arten von Beziehungen oder Relationen von Plakaten zu seinen Nachbarn: die Relation der Ähnlichkeit, der Unähnlichkeit und der Gleichheit. Sind die Pkakate einer Kampagne ähnlich oder unähnlich, sprechen wir von serien ähnlicher oder von Serien unähnlicher Plakate. Sind die Plakate einer Kampagne gleich, sprechen wir von Nicht-Serien oder Einzelplakaten.

1.1. Die Nichtserie oder das Einzelplakat

Seite 7, rechte Spalte

Auf den folgenden Seiten habe ich Ihnen für Ihnen für jede der 6 Pausen und der 6 Strafen aufgeschrieben, woran Sie mich dabei erinnern sollten. Es sind die Beschreibungen von Gelegenheiten, bei denen ich meinen Sadismus ausgelebt und erst dann im Nachhinein bedauert habe. Mit Ausnahme der letzten aktuellen Sache mit Ricarda sind diese Vorkommnisse nicht der entscheidende Grund für meinen Besuch bei Ihnen – der liegt in meinen auch masochistischen Phantasievorstellungen und in der Angst, bei immer stärker werdenden sadistischen Neigungen einmal etwas zu machen, was für mich unangenehme Konsequenzen hat. Wenn ich mich aber deswegen schon prügeln lassen muss, ist es

Seite 95

… Ich glaube, es ist wieder einmal an der Zeit, dass ich von Ihnen den Arsch versohlt bekomme. Ich möchte total von Ihnen erniedrigt werden. Einige Ohrfeigen würden mir ganz gut tun. Ihr Spezialgebiet sollte mein Hintern sein, den Sie kneifen und zwicken sollen. Falls Ihnen die Hände wehtun, vom Hintern hauen, nehmen Sie doch die Füße als Ersatz. Da mich nackte Füße immer schon interessiert haben, sollen diese mich ausgiebig in den Arsch treten, wofür ich Sie dann zum Dank lecke. Ich glaube, Sie werden meinen Hintern ordentlich einheizen, und mich als Spielobjekt betrachten, das nicht mehr sitzen kann.

MEIN ARSCH GEHÖRT IHNEN.

IHRE FÜßE GEHÖREN MIR GAR NICHT!

Beim Steirischen Herbst 87 in Graz traten Oliver Hirschbiegel und Michael Schirner gemeinsam in einer Performance auf. Sie standen rechts und links eines Rednerpultes, Hirschbiegel im schwarzen Outfit eines Ostjuden mit Kippa, Schirner in der Uniform eines Lufthansa Piloten. Beide lasen simultan aus Plakat und Praxis, Hirschbiegel las die linke Spalte der Seiten, Schirner die rechte.

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Seite 6/7

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Seite 6/7, 1986

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Seite 94/95

Michael Schirner, Plakat und Praxis, Seite 94/95, 1986


COPYRIGHT

 

1986 Michael Schirner – Meterverlag

Illustrationen von Adolf Oehlen

Herausgegeben im Meterverlag

2000 Hamburg 20

Fettstraße 7a

 

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MICHAEL SCHIRNER, PICTURES IN OUR MINDS

NRW-Forum Düsseldorf, 2007

Katalog "Bilder im Kopf", Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf 2007, Titelabbildung: Thomas Demand

Bilder im Kopf, NRW-Forum Düsseldorf, Katalog, 2007

Katalog "Bilder im Kopf", Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf mit CD, 2007

Bilder im Kopf, NRW-Forum Düsseldorf, Katalog, 2007

Pictures in our ears

An den Wänden des Forums hingen 10 Audioplayer. Über Kopfhörer konnten Besucher die Beschreibung von 10 Bildern hören. An 10 Tagen strahlte der WDR 5 die Hörbilder aus. Ein Ausschnitt: „Soldaten sterben nicht. Soldaten fallen. Dieser fällt buchstäblich. Aber stirbt er auch? Hat ihn die Kugel getroffen? Oder wirft er sich im Dienste linker Propaganda rückwärts ins Gras? Sicher ist: Robert Capas Bild eines stürzenden spanischen Milizionärs zählt zu den berühmtesten Photographien des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht das erste Kriegsfoto der Geschichte. Aber womöglich „das erste überzeugende Actionbild mitten aus dem Kriegsgeschehen heraus“, wie Carol Squiers formuliert. Richard Whelan spricht von der „erregendsten unmittelbarsten Momentaufnahme des Krieges“, die je gelungen sei. Russel Miller bezeichnet die Aufnahme als das „beste Kriegsfoto aller Zeiten. … Fact ist: Von 70.000 Aufnahmen, die der 1913 in Ungarn geborene Robert Capa gemacht hat, ist dies die weltweit bekannteste. Und die umstrittenste zugleich. Bis heute halten sich Gerüchte, das Bild sei inszeniert. Im Bildjournalismus sind Strategien der Inszenierung entschieden tabu. Wer Fotos stellt, riskiert seine Glaubwürdigkeit als Zeuge der Zeitgeschichte. Mehr noch: Er riskiert die Glaubwürdigkeit seines kompletten Oevres.“ Michael Koetzle

Weitere Hörbilder:

  • Migrant Mother, Nipomo, California, 1936 von Dorothea Lange
  • V.J. Day, 15. August 1945 von Alfred Eisenstedt
  • Marilyn Monroe auf Lüftungsschacht, 1954 von Sam Shaw
  • James Dean am Times Square, 1955 von Dennis Stock
  • Flucht aus Ost-Berlin, 15.August 1961 von Peter Leibing
  • Willy Brandt in Warschau, 1970 von Sven Simon
  • Das Mädchen von Vietnam, 1972 von Nick Ut
  • Hanns Martin Schleyer – Gefangener der RAF, 6. September 1977,
    aufgenommen von einem Mitglied der RAF
  • 11. September 2001, anonym

 

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MICHAEL SCHIRNER, PICTURES IN OUR MINDS

NRW-Forum Düsseldorf, 2007

Michael Schirner, Mao, Ze Dong swimming in Yang Zi Jiang, Siebdruck auf Leinwand, 1985 – 2013

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Mao Tse-Tung swimming in Yang Tse-kiang, 2007

PICTURES IN THE MIND OF CHINESE PEOPLE

In der Ausstellung des NRW-Forum Düsseldorf 2007 wurden zusätzlich zu Pictures in our Minds und Pictures in our Ears  12 Pictures in the Mind of Chinese People veröffentlicht. Im Katalog erschien ein Beitrag von Michael Schirner mit dem Ergebnis einer Umfrage unter Chinesen; Kexin Zang und Michael Schirner hatten die Umfrage mit Studierenden der Central Academy of Fine Arts Beijing durchgeführt. Aus mehreren tausend Fotos und nach umfangreichen Recherchen, Gesprächen und Diskussionen wurden die 12 wichtigsten Bilder im Kopf der Chinesen ermittelt und im Katalog beschrieben. Die folgenden Bilder machen einen wesentlichen Teil des kollektiven Gedächtnisses  von über 1,3 Milliarden Chinesen aus:

Die Kaiserinwitwe Ci Xi in Gewändern eines Bodhisattva Alvalokites Vara

Das 1903 vom Prinzen Xun Ling gemachte Bild zeigt die Witwe des Kaisers Xian Feng sitzend, rechts und links von ihr zwei Frauen, im Hintergrund der gemalte Prospekt eines Bambushains, im Vordergrund Nachbildungen blühender Lotospflanzen. Zwei handbreit über dem Kopf der Kaiserinwitwe schwebt ein Schild mit ihrem Namenszug.

Es wird erzählt, Eunuchen hätten versucht, die Herrscherin von dem Fotoportrait abzuhalten und es sogar geschafft, dass Prinz Xun Ling eingesperrt wurde. Doch die Neugier von Ci Xi siegte, sie erlaubte dem Prinzen, das Bild zu machen, das nahezu jeder Chinese im Kopf hat, wenn er an Ci Xi denkt.

Peking-Oper-Star Mei Lang Fang und Chaplin schütteln sich die Hände

Das Bild von 1930 zeigt die zwei Weltstars der 20er und 30er in Chaplins Haus in Hollywood Hand in Hand in die Kamera lächelnd: Chaplin mit vollem schwarzen Haar und grauem Zweireiher, Mei Lang Fang im Chang Pao, dem knöchellangen Rock, mit Ma Gua, der kurzen Seidenjacke.

Als sein Manager die beiden vorstellen wollte, sagte Chaplin, er bewundere Mei Lang Fangs Schauspielkunst seit Jahren, worauf dieser erwiderte, er kenne Chaplin schon seit 10 Jahren mit Stock, Bärtchen und Melone aus seinen Filmen und sei völlig überrascht, ihn hier im grauen Anzug zu sehen. – Als beide sich 1936 in Shanghai wiedersahen, bemerkte der ergraute Chaplin: „Vor 10 Jahren hatten wir beide schwarze Haare, heute nur noch Sie“, worauf Mei Lang Fang sagte: „Wahrscheinlich weil ich nur Schauspieler bin, und Sie sehr viel mehr tun.“

Dr. Norman Bethune operiert einen Schwerverletzten im 2. Chinesisch-Japanischen Krieg

Das 1939 gemachte Bild zeigt Dr. Norman Bethune mit zwei chinesischen Sanitätern im Feldlazarett bei einer Operation über den geöffneten Körper eines Schwerverletzten gebeugt.

Der Kanadier Bethune, Pionier des Bluttransfusionsdienstes und des mobilen chirurgischen Feldlazaretts, der 1938 nach China kam, um Maos Soldaten im Chinesisch-Japanischen Krieg medizinische Hilfe zu leisten, dort oberster Truppenarzt wurde, tausende von Chinesen zu Ärzten ausbildete und abertausend Operationen an der Front durchführte, sich dabei infizierte und 1939 an einer Blutvergiftung starb, gilt noch heute in China als Held der Menschlichkeit.

Mao proklamiert die Gründung der Volksrepublik China

Das Bild vom 1. Oktober 1949 zeigt Mao hinter Mikrophonen am Tor des Himmlischen Friedens beim Verlesen der Erklärung zur Gründung der Volksrepublik.

Mit einem Druck auf den roten Knopf löst Mao das Hissen der Chinesischen Flagge und 28 mal 54 Salutschüsse aus. (Vor 28 Jahren wurde die Chinesische Kommunistische Partei gegründet, 54 Minderheiten gab es zu der Zeit in China.)

Mao, Ze Dong schwimmt im Yang Zi Jiang

Das Bild vom 1. Juni 1956 zeigt Mao, nahe Wu Chang beim Überqueren des Yang-Zi-Flusses.

Tausende folgten Mao ans andere Ufer, wo er sein Shui-Diao-Ge-Tou-Gedicht (Das Schwimmen) mit seinem Traum vom Drei-Schluchten-Damm vortrug. Die Überquerung des Yang-Zi-Flusses wiederholte Mao in den folgenden 10 Jahren 6 Mal.

Liu, Shao Qi ehrt Chuan Xiang für das Leeren der Toiletten Pekings

Das Bild vom 26. Oktober 1958 zeigt Präsident Liu, der dem zum nationalen Helden der Arbeit gewählten Shi die Hand schüttelt.

Bei der Ehrung soll der Präsident Shi gesagt haben: „Meine Aufgabe ist es, dem Volk zu dienen. Deine Aufgabe ist dieselbe. Der Unterschied liegt in der Arbeitsverteilung.“ – Während der Kulturrevolution wurde der Präsident verhaftet, ebenso der von ihm geehrte Held der Arbeit.

Der Soldat Lei, Feng

Das Bild zeigt Lei, Feng mit Pelzmütze und Kampfanzug, eine Maschinenpistole haltend.

Der am 15. August 1962 bei einem Unfall ums Leben gekommene 22jährige Soldat der Chinesischen Volksbefreiungsarmee wurde in den Wirren der Kulturrevolution (1966 – 1976) im Nachhinein von Mao als Held der Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft ausgezeichnet.

Danach tauchten Fotos auf, die zeigen, wie er arbeitet, mit Kindern spielt, sein Geld verschenkt und Maos Werke studiert; seine Tagebücher wurden publiziert und machten seinen Opfermut bekannt: „Es sind die Menschen und die Regierung, die mir ein zweites Leben gegeben haben. Ich will mein endliches Leben für das unendliche Leben des Volkes geben.“  Seit jenen Tagen wurde „Lei, Feng“ in China zum Synonym für „den-Anderen-dienen“.

Der 5 Kilometer lange Abschied von Zhou, En Lai

Das Bild von 1976 zeigt den Platz des Himmlischen Friedens, im Vordergrund ein weißer, bekränzter Bus, dem eine Eskorte folgt, im Hintergrund ein langer Zug von Trauernden.

Zhou, En Lai, am 5. März 1898 geboren, war wichtiger Führer der Kommunistischen Partei Chinas und von 1949 an Premierminister der Volksrepublik, bis er am 8. Januar 1976 – einige Monate vor Mao – starb. Im April 1976 wurden Trauermärsche für Zhou von der „Vierer-bande“ (Maos Frau u.a.) gewaltsam aufgelöst.

Deng, Xiao Ping, einen Tag nach seinem Rückzug aus der Politik, zeitunglesend

Das Bild von 1990 zeigt Deng im Wohnzimmersessel zurückgelehnt mit hochgehaltener Zeitung und ausgestreckten Beinen. Neben ihm seine Frau, die dem Enkel auf ihrem Schoß ein Blatt Papier vorhält und ihm daraus vorliest.

Nach dem offiziellen Rückzug aus der Politik blieb Deng, unterstützt von seiner Familie, vor allem seinem Sohn Deng, Pu Pang, beratend für die Regierung und seinen Nachfolger Jiang, Ze Min tätig. – Im Mai 1990 reiste der ehemalige Bundeskanzler und Herausgeber der ZEIT Helmut Schmidt nach Peking und traf Deng, Xiao Ping.

Die Schülerin mit den großen Augen

Das Bild von 1991 zeigt eine 8jährige Schülerin, die einen Bleistift in der Hand hält und mit großen Augen in die Kamera blickt.

Der Fotojournalist Xie, Hai Long hat das Mädchen Su, Ming Juan an ihrem ersten Schultag in einem Dorf der An-Hui-Provinz fotografiert. Das Foto, in allen Zeitungen Chinas veröffentlicht, wurde zur Ikone für das „Hoffungsprojekt“, der Spendenaktion für die Ausbildung armer Kinder. – 1998 wurde Su Ersatzmitglied des Zentralkomitees der Partei und 2002 Mitglied des Komitees der Kommunistischen Jugend-Liga.

Der erste Taikonaut nach seiner Rückkehr aus dem All

Das Bild vom 16.10.2003 zeigt den 38jährigen Yang, Li Wei in weißem Raumanzug mit erhobener Hand grüßend, umgeben von einem Team in roten Overalls.

Den 21 Stunden dauernden Flug kommentierte der erste Taikonaut: „Aus dem Weltraum sieht die Erde wunderschön aus, doch die Chinesische Mauer habe ich nicht gesehen.“ – Da man in China das nationale Symbol des Landes für das einzige Bauwerk hält, das aus dem All zu sehen ist, sorgte sein Kommentar für Diskussion. Einige vermuten, Yang hätte wegen schlechten Wetters den Stolz der Chinesen übersehen.

Chinas Mongolei-Kuhjoghurt-Supergirl 2005 mit Panda

Das Bild vom 20. Januar 2006 zeigt das Supergirl Li, Yun Chun, das neben einem vergitterten Container mit Panda hockt.

Li, Yu Chun, 21, die von 400 Millionen TV-Zuschauern zum Supergirl 2005 (dem chinesischen „Deutschland sucht den Superstar“) gewählt wurde, ist eine Studentin, die wie ein Mann singt, sich manchmal wie Mick Jagger anzieht und für mongolischen Kuh-Joghurt wirbt. Anlässlich einer Werbeveranstaltung des Kaufhaus’ „Panda“ in Cheng Du adoptierte sie einen jungen Panda, der aus Wo Long eingeflogen, auf der Bühne mit ihr präsentiert wurde und vom Lärm des Publikums und den Blitzlichtern der Photographen verschreckt, in Ohnmacht fiel, was Tierschützer aufbrachte und die Regierung veranlasste, die Wahl des Supergirls in Zukunft zu untersagen.

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MICHAEL SCHIRNER, PICTURES IN OUR MINDS

NRW-Forum Düsseldorf, 2007

Michael Schirner, Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf 2007, Exhibition Shot

Michael Schirner, Bilder im Kopf, Performance shot, NRW-Forum Düsseldorf 2007

COW YOGURT SUPER GIRL

In der Ausstellung im NRW Forum Düsseldorf 2007 sahen die Besucher 7 Pictures in our Minds, mit denen Michael Schirner Menschenrechte für Tiere einfordert.

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, The head of the South Vietnamese police shooting a panda, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, The head of the South Vietnamese police shooting a panda, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, The footprint of the first panda on the moon, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, The footprint of the first panda on the moon, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, Genetically manipulated panda with an ear growing on his back, Siebdruck auf Leinwand , 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Genetically manipulated panda with an ear growing on his back, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, Michael Jackson holding a panda baby out of the window of the Adlon Hotel, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Michael Jackson holding a panda baby out of the window of the Adlon Hotel, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, China's Mongolian Cow Yogurt Super Girl 2005 with panda, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, China’s Mongolian Cow Yogurt Super Girl 2005 with panda, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, The last picture of Bruno, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, The last picture of Bruno, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

Michael Schirner, PICTURES IN OUR MINDS, The last picture of the bear Mitrofan, Siebdruck auf Leinwand, 2007

Michael Schirner, Pictures in our Minds, The last picture of the bear Mitrofan, 2007, Siebdruck auf Leinwand, 120 x 120 cm

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MICHAEL SCHIRNER, PICTURES IN OUR MINDS

Messe Hamburg, 1985

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Hamburg 1985, Exhibition Shot

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Exhibition shot, Messe Hamburg 1985

EINE FOTOAUSSTELLUNG OHNE FOTOS

Der Intermedia-Kongress 1985, die Messe der neuen Medien in Hamburg, war der Anlass. Hier wollte das Magazin STERN ein Zeichen setzen und die Kraft und Überlegenheit des gedruckten Mediums exemplarisch demonstrieren. Für die Demonstration des Printmediums galt es, ein Ausstellungskonzept zu finden, eine Form der Präsentation für die stärksten Bilder, die je in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden. Uns war klar, dass es nicht damit getan war, die bekannten journalistischen Fotos in einer Ausstellung nebeneinander zu hängen. Wir wollten die Technik der Kommunikation von Imaginärem in der Kunst auf die Spitze treiben, indem wir uns weit entfernten von Referenzen auf Außenliegendes, uns stattdessen auf das Innere des Betrachters, seine Fantasie- und Gedankenarbeit beziehen. Wir machten den Betrachter zu seinem Medium: Die Hardware ist sein Gehirn, die Software seine Imagination, auf seiner Festplatte sind alle Bilder, die in seinem Kopf gespeichert sind. Deshalb gaben wir dem Projekt den Titel Pictures in our Minds. Die Besucher der legendären Ausstellung Pictures in our Minds betraten eine Fotoausstellung ohne Fotos. Statt der Bilder sahen sie schwarze Tafeln, auf denen in weißer Schrift die Beschreibungen bekannter Fotos zu lesen sind. Die Texte auf den Tafeln des imaginären Museums ließen die Bilder in den Köpfen der Betrachter entstehen. Hier war nur noch die Imagination des Betrachters gefordert, das Schwarze der Tafeln aufzuhellen. Das ist Kunst der Zukunft: Das Bild muss es aushalten können, ganz in der Imagination des Betrachter zu verschwinden. Der Text, und vor allem der Autor, müssen dasselbe aushalten können.

Michael Schirner, The footprint of the first man on the moon, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, The foot-print of the first man on the moon, 1985, Fine Art Print

Lassen Sie uns einen Blick in die Ausstellung werfen. Sie sehen eine 120 x 120 cm große schwarze Tafel. Sie lesen den Text darauf: „The footprint of the first man on the moon“. Der Fußabdruck des ersten Menschen auf dem Mond. Sie schließen die Augen. Vor Ihrem inneren Auge tauchen die Bilder der ersten Mondlandung auf: Ein Astronaut. Die Mondoberfläche. Der Boden im Close up. Der Fußabdruck des moonboots. Sie sind Schöpfer des Bildes in Ihrem Kopf. Es ist Ihr Bild. Sie sind der Fotograph. Es ist Ihr Fußabdruck. Sie sind der erste Mensch auf dem Mond.

Michael Schirner, Crowds on the Berlin Wall, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Crowds on the Berlin Wall, 1985, Fine Art Print

Sie lesen: „Crowds on the Berlin wall“. Sie machen aus dem Bild an der Wand ein Bild in Ihrem Kopf. Das Bild der Menge auf der Berliner Mauer ist Ihr Werk. Ihr Bild ist stärker als die Fotovorlage, weil es seit dem Fall der Mauer ein Teil von Ihnen ist. Alle Bilder in Ihrem Kopf sind stärker, intensiver, bewegender als die Bildvorlagen in Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Kino, Museen etc. weil es Ihre Bilder sind. Ihr geistiges Eigentum. Sie sind der Schöpfer Ihrer Bilder.

Michael Schirner, Tortured Iraqi prisoner with hood, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Tortured Iraqi prisoner with hood, 1985, Fine Art Print

Der gefolterte Gefangene Iraker mit Kapuze. Wenn Sie das Bild nicht gleich vor Augen haben, weil es in Ihrem kollektiven Gedächtnis schlummert, wecken Sie es nicht, lassen Sie es schlummern. Sie wissen, es ist auf Ihrer Festplatte im Ordner mit Bergen nackter, kotbeschmierter gefolterter, gefangener Iraker. Da ist es: der Kapuzenmann mit Mantel und ausgebreiteten Armen in Abu Ghraib… die Stromkabel an seinen Händen.

Michael Schirner, Marilyn Monroe poised over a subway air-shaft, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Marilyn Monroe poised over a subway air-shaft, 1985, Fine Art Print

Marilyn Monroe auf Subway-Luftschacht. In Ihrem Kopf läuft ein Film ab. Sie sind Regisseur- und Protagonistin. Ihr weißer Rock fliegt höher und höher; sie haben Mühe, ihn mit den Händen festzuhalten. Der Filmtitel? Richtig: Das verflixte 7. Jahr. Nur an den Namen des Herrn am linken Bildrand können Sie sich nicht mehr erinnern. Oder doch?

Michael Schirner, Naked Vietnamese child fleeding after a napalm attack, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Naked Vietnamese child fleeding after a napalm attack, 1985, Fine Art Print

Das Bild des nackten vietnamesischen Kindes, das nach einem Napalm-Angriff schreiend auf der Straße von Trang Bang flieht. Ihr Bild sorgte dafür, dass der Vietnamkrieg beendet wurde. Das Bild hat die Welt zu verändern.

Michael Schirner, Wreckage of the World Trade Center, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Wreckage of the World Trade Center, 1985, Fine Art Print

Die Trümmer des World Trade Center. Das Bild führte dazu, dass der Krieg gegen den Terrorismus begann. Das Bild vom erschossenen Bin Laden fehlt in Ihrer Sammlung.

Michael Schirner, Albert Einstein sticking his tongue out, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Albert Einstein sticking his tongue out, 1985, Fine Art Print

Das Tolle an den Bildern in Ihrem Kopf – im Gegensatz zu normalen Kunstwerken, von denen es immer mehr gibt und die immer mehr Platz wegnehmen – ist, dass bei Ihren Bildern im Kopf die Kosten für Lager-, Transport- und Versicherung gleich Null sind. Das heißt, Ihre Bilder sind äußerst umweltfreundliche und platzsparende Kunst. Vielleicht streckt Albert Einstein deshalb allen Sammlern von analogen Kunstwerken die Zunge raus.

Michael Schirner, Portrait of Che Guevara, 1985 – 2013, Siebdruck auf Leinwand

Michael Schirner, Pictures in our Minds, Portrait of Che Guevara, 1985, Fine Art Print

Das Portrait von Che Guevara. Es ist Ihr Portrait. Sie sind der Che Guevara der Kunst der Zukunft. Sie sind Sammler, Kurator, Künstler und Betrachter in einer Person. Mit dem imaginären Museum der Bilder in Ihrem Kopf sind Sie im Besitz der größten und eindrucksvollsten Sammlung, die es gibt. Und das Tolle: Alle Werke sind das Ergebnis Ihrer Fantasie- und Gedankenarbeit. Sie sind Schöpfer der faszinierendsten Bilder der Welt.

DER KREATIVE IKONOKLASMUS

Hans Ulrich Reck

Dass Bilder erst wirklich ’sind‘, nämlich lebendig wirken, in einer aktuellen Wahrnehmung, gilt schlechterdings für alle Bilder. Besonders aber für diejenige Art von Bildern, die man als artifizielle Konstrukte bezeichnen kann. Bilder also, die nichts anderes sein wollen als ein Anstoß, ein Anlass oder Ausgangspunkt solcher Wahrnehmung.

Es handelt sich hier wesentlich um eine Errungenschaft der radikalen Moderne, die an die Stelle ritueller und auratischer, religiöser und sakraler Bilder die ästhetische Reflektion gesetzt hat. Diese aber keineswegs nur abstrakt, als philosophische Kategorie, sondern in poetischer Gestalt.

Seit zum Beispiel Kasimir Malewitsch bedeutet, Bilder zu sehen, sich zur eigenen Wahrnehmung in ein aktives Verhältnis zu setzen. Bedeutet, das Sehen zu sehen und die Wahrnehmung an den Mechanismen der Wirkung von Bildern zu betrachten.

Das Gefüge in der Verbindung zwischen Autor, Werk, Betrachter wird komplizierter. Die Bilder verlieren ihre bisherige Autorität und gewinnen neue Kraft. Sie verwandeln sich von Repräsentanten eines Sinns zu ‚Kraftwerken‘ einer Erfahrung. Es verschiebt sich im Zuge der modernen Poetik das Werk und die Autorität seines Erzeugers auf den Gang der Erfahrungen auf Seiten des Betrachters.

Die Bedeutung der Bilder ist ihr Gebrauch in der Gesellschaft. So könnte man bildtheoretisch Wittgensteins Auffassung vom Gebrauch der Sprache umschreiben. Auch für die Bilder gilt, dass sie nicht in ein einziges Sprachspiel aufgelöst werden können, sondern dass stets viele und diverse Formen und Weisen des Visuellen gegeben sind. Schirners Werk legt folgende Diagnose nahe: Die schöpferischen Leistungen der Rezipienten müssen neu und angemessen auch in den Konsequenzen der Nutzung der Bilder im öffentlichen Gebrauch bewertet werden. Die Bilder sind öffentliche Medien geworden. Sie sind konsequent in ihrer öffentlichtkeitsmodellierenden Kraft zu erkennen und zu diskutieren. Künstler, die durch Bekanntheit ihrer Werke, also genuine Bild- und Werkerfindungen, in den Zirkulationsbereich strikter öffentlicher Bilder hineingehören, sind eben solche, die den Bestand der lebensweltlichen Kommunikation in ihre Bildfindungen einbeziehen. Das gilt für Picassos ‚Guernica‘ ebenso wie für die Werke der Pop Art. Und eben auch für Michael Schirner. Man kann die Sachlage so zusammenfassen: Das 20. Jahrhundert hat den Betrachter als produktive, ja schöpferische Instanz in das Werk selber integriert. Das Werk verschiebt sich auf den Prozess, der Anspruch des Autors auf die Wirkweisen des Mediums.

Kreieren bedeutet nun vorrangig: Inszenieren, Arrangieren, Edieren, immer wieder neu Thematisieren. Die Kräfte haben sich verschoben, das Dispositiv verwandelt.

Die privilegierte, ontologisch starre Position eines hierarchisch und autoritativ allem Prozessualen enthobenen, genuinen und originären Erfinders als Figur ‚des‘ Künstlers ist überholt. ‚Kunst ohne Werk‘, ‚Kunst ohne Künstler‘ sind entscheidende Stichworte der Beschreibung und Errungenschaften der Künste im 20. Jahrhundert.

Auszug des Beitrags von Hans Ulrich Reck, Professor der Kunstgeschichte und Medientheorie an der Medienkunsthochschule in Köln, zu Pictures in our Minds von Michael Schirner in internationalen Fotozeitschrift foam #31ref. Sommer 2012.

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DER LÄRM VOM KLICKEN

Photo Porst, 1980

Anzeige für die Fotoaktion "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Tageszeitungsanzeige

21.6.1980, 16:00 –16:01

Photo Porst, ehemals „Das größte Photohaus der Welt“, plante ein Comeback. Michael Schirner wollte Photo Porst wieder zu dem machen, was Porst damals in den 60er Jahren für ihn und alle Fotoamateure war: Fotolehrer der Nation und beste Adresse für Foto- und Filmbedarf. Michael Schirner und sein Artdirector Axel Hinnen machten in Tageszeitungen doppelseitige Anzeigen mit einem riesigen Zeigefinger über dem Auslöser einer Kamera, darunter das Motto der Aktion Die Minute des Jahres, Lauftext:

„Wir möchten Sie einladen, bei dem Fotoereignis des Jahres mitzumachen. Es heißt Die Minute des Jahres oder eine Nation knipst sich selbst und geht so: An einem Tag dieses Jahres, dem 21.6.1980, während einer Minute dieses Tages, von 16.00 Uhr bis 16.01 Uhr, sollen die 18 Millionen Deutsche, die einen Fotoapparat besitzen, dort ein Foto machen, wo sie gerade sind. Soweit wir wissen, ist so ein Fotoprojekt noch nie gemacht worden. Wer darüber nachdenkt, kann leicht ins Schwärmen kommen. Das Schöne daran ist, dass das größte Fotoportrait des Landes von denen gemacht wird, die darin leben. Jeder leistet mit dem Foto aus seinem Leben einen wichtigen Beitrag.

Die vielen Fotos, die überall in Deutschland gemacht werden, geben zusammen eine herrliche Dokumentation der Minute von uns allen. Wir könnten dann im Fotoalbum unseres Landes blättern, könnten uns darin wiederfinden und unseren Kindern später einmal zeigen, wie es damals war, am 21.6.1980 von 16.00 Uhr bis 16.01 Uhr.

Was dann? Wir von Photo Porst werden alle Bilder in einer großen Fotoausstellung veröffentlichen. Jedes Bild, das uns geschickt wird, stellen wir aus. Außerdem veröffentlichen wir die die ersten 10.000 Bilder, die wir kriegen, in 3 Bildbänden. Außerdem drehen wir über Die Minute des Jahres einen Film, der überall in Deutschland gezeigt wirdWas gibt’s? Unter allen Einsendern verlosen wir 5 Fotoweltreisen, jede im Wert von 10.000 Mark. Auf Wunsch auch bar.

Wie geht’s? Sie können mit jeder x-beliebigen Kamera und jedem x-beliebigen Negativ-Film mitmachen. Knipsen Sie am Samstag, den 21. Juni von 16.00 Uhr bis 16.01 Uhr. Machen Sie mehrere Bilder. Am besten knipsen Sie den ganzen Film voll. Egal, was Sie knipsen, jedes Bild, das in der Minute gemacht wird, ist gut für Die Minute des Jahres. Sie können Ihren Minuten-Film in jedem Fotogeschäft entwickeln lassen. Von den entwickelten Bildern suchen Sie dann das aus, was Sie am schönsten finden. Dann kleben Sie einen Zettel auf die Rückseite des Bildes und schreiben Namen und Adresse drauf. Schreiben Sie auch kurz drauf, was Sie fotografiert haben, zum Beispiel: „Meine Frau im Garten“.

Was knipsen? Zum Beispiel: „Picknick am Meer“, „Horst beim Autowaschen“, „Der Himmel über Wanne-Eickel“, „Im D-Zug nach München“, „Spaziergang am Rhein“, „Blick aus meinem Arbeitszimmer“, „Mein Mann beim Autowaschen“, „Die ganze Familie bei Kaffee und Kuchen“ usw.

Wie mitmachen? Schicken Sie Ihr Bild an Photo Porst, Am Falbenholzweg 1, 1, 8540 Schwabach. Einsendeschluss ist der 31.7.1980. Nicht vergessen: Auf den Auslöser gedrückt wird am Samstag, den 21.6. um vier Uhr nachmittags. Der Lärm vom Klicken wird ohrenbetäubend sein.

Teilnehmerfoto, "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Teilnehmerfoto, "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Teilnehmerfoto, "Die Minute des Jahres",1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Teilnehmerfoto, "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Teilnehmerfoto, "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Foto eines Teilnehmers von "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

Foto eines Teilnehmers von "Die Minute des Jahres", 1980

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1980, Teilnehmerfoto

CREDITS

Auftraggeber: Photo Porst Schwabach
Agentur: GGK Düsseldorf
Kreativdirektor: Michael Schirner
Texter: Michael Schirner
Artdirector: Axel Hinnen, Dieter Pisculla
Fotograf: Bill Stuart
Grafiker: Günter Classen, Beate Lorbeer
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SCHULE DES SEHENS

Photo Porst, 1981

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

GGK Düsseldorf, Photo Porst, 1981, Zeitschriftenanzeige

EINE RECHT PERSÖNLICHE GESCHICHTE

Zitiert aus der Konzeptpräsentation von Michael Schirner für Photo Porst

Mir hat Porst das Fotografieren beigebracht. Das war vor fast 25 Jahren. Meine Bibel war ein Fotobüchlein von Porst. Darin stand wunderbar erklärt, wie man fotografiert. Ich konnte es auswendig. Alle Monate schrieb mir Herr Porst in einem Brief, er habe mit seinem Vater gewettet, daß ich eine Kamera bei ihm bestellen werde. Er bat mich inständig, ihn nicht zu enttäuschen. Ich bestellte. Ich sehe noch heute das Paket vor mir mit dem vielen Verpackungsmaterial und meiner ersten Kamera drin. Es war wie Weihnachten. Ich schickte meine ersten Filme zum größten Fotohaus der Welt. Und ich kriegte die größten Abzüge geschickt, die es damals in Deutschland gab. Und die billigsten und schönsten.

Das Tolle.
Porst war wohl der erste, wo man Abzüge mit glattem Rand kriegte. Später auch ganz ohne Rand, was noch toller war. Auch Kontaktstreifen gab es zuerst bei Porst. Das größte Vergnügen war, auf den langen Bestellzetteln die Wünsche für die Fotoarbeiten anzu- kreuzen. Für alle in meinem Alter, die damals wie besessen fotografierten, war Porst der größte. Er hatte für uns alle die Amateurfotografie erfunden. Und noch eins schien Porst erfunden zu haben.

Die Werbung.
Außer Fotografieren hatte Porst mir die Werbung beigebracht. Die Fotoheftchen und die Werbebriefe haben mich damals unglaublich beeindruckt. Später habe ich dann Fotografie und Film studiert. Und noch ein bißchen später etwas Werbung gemacht. Porst war für mich eine recht persönliche Geschichte.

Das Ende.
Wann diese Geschichte zu Ende war, das heißt, wann Porst keine Rolle mehr für mich spielte, weiß ich heute nicht mehr genau. Vielleicht war es vor 18 bis 20 Jahren. In all diesen Jahren hatte Porst Null Bedeutung für mich. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß Porst die letzten 20 Jahre für mich kaum existierte. In diesen Jahren hat Porst wohl auch seine faszinierende Stellungals Fotolehrer der Nation verloren.

1981.
Heute zumindest ist von all dem, was uns damals begeisterte, nichts mehr da. Aus unserem Lieblingslehrer von damals ist heute eine riesige Ladenkette geworden.

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Die Fortsetzung.
Die persönliche Geschichte von damals, die dann plötzlich zu Ende war, könnte jetzt wieder weitergehen. Mit einer hübschen Wendung: Damals hatte Porst mir beigebracht, was Kommunikation ist. Heute könnte ich mich revanchieren. Wir könnten gemeinsam versuchen, der Nation zu zeigen, was Porst ist. Ich könnte mir kein größeres Vergnügen vorstellen, als Porst wieder zu dem zu machen, was er damals für mich und all die anderen war.

Die Chancen.
Die Zeit für ein Comeback von Porst ist günstig. Wir stehen am Anfang einer kulturellen Epoche: dem Übergang von der Hochkultur zur Massenkultur. Die hochkulturellen Ausdrucksformen wie Theater, Konzert, Gemälde, Skulptur, Kunstfotografie usw. verlier-en mehr und mehr an Bedeutung. Stattdessen werden massenkulturelle Ausdrucksformen immer bedeutungsvoller: Popmusik, Mode, Design, Illustrierte, Comics, Fernsehen, Kino, Werbung und eben auch die Amateurfotografie.

Unterst zu Oberst.
War Kreativität früher ein Privileg weniger Künstler und der gebildeten Oberschicht, ist Kreativität heute ein Massensport. Die Kunst findet nicht mehr in Museen statt, sondern auf der Straße. Diese Kulturrevolution kehrt das Unterste zu Oberst. Ein ungeahnt-es kreatives Potential wird frei.

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Die Massenfotografie.
Die neue Massenfotografie hat mit der alten Kunstfotografie nichts zu tun. Die Kategorien haben sich völlig verkehrt. Ausdrucksformen, die von den Vertretern der Hochkultur als niedrig, vulgär und kitschig verachtet wurden, werden plötzlich bedeutungsvoll:

Die Bilder.
Familienfotos, Kinderfotos, Ferienfotos, Hochzeitsfotos, Betriebsfestfotos, Haustierfotos, Blumenfotos, Safarifotos usw., immer neue Kategorien entstehen. Es gibt nichts, was man nicht fotografieren kann. Es wird auch bald nichts mehr geben, was nicht schon fotografiert worden wäre. Es gibt vor allem keine schlechten Bilder mehr.
Jedes Bild ist ein gutes Bild.

Die Bildwelt.
Alle haben entdeckt, daß man mit Fotos sein Leben reproduzieren kann. Das Vergnügen am Foto wächst ständig. Da alles fotografierbar ist, verliert die Welt auch den Reiz des Einmaligen und ihren absoluten Wert. Wer zum ersten Mal in ein fernes Land reist, ist kaum noch überrascht davon. Man kennt es schon von Fotos. Das Foto wird oft als sehr viel interessanter erlebt als das Fotografierte.

Ein Beispiel aus dem Leben.
Eine Frau mit einem Kinderwagen wird von einer anderen angesprochen: „Was haben Sie für ein hübsches Kind.“ Die Mutter antwortet: „Das ist noch gar nichts, Sie sollten mal sein Foto sehen.“

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Die Bilder-Instanz.
Klar, daß in einer Zeit, wo Fotografieren zur Massenbewegung wird, die Instanz immer wichtiger wird, die den Leuten beibringt, wie sie mit der Bilderwelt und dem Bildermachen fertig werden können. Diese Instanz gibt es heute noch nicht.

Die Voraussetzungen.
Porst könnte gut diese Instanz werden. Porst hat die Größe, hat die Distribution, hat das, was man zum Fotografieren und Filmen braucht, hat die Leute und hat den Namen. Wir hatten auch eine Idee, wie Porst das schaffen könnte.

So.
Mit der Anzeigenkampagne für Photo Porst in Zeitschriften eröffnen ich und mein Artdirector Axel Hinnen die Fotoschule der Nation. Auf Doppelseiten geben wir Kurse in „Sehen, 1.Teil“ bis „Sehen, 48. Teil“. Auf der einen Seite sieht man den Amateur, der fotografiert, auf der anderen das, was er fotografiert. Meine Texte sind Lektionen einer kleinen Schule des Sehens. Die Serie beginnt mit Axel Hinnen, der eine Skulptur fotografiert und dem Text: „Als der Künstler Aristide Maioll, der 1861 geboren wurde und 1944 dort starb, in seinem Atelier vier Schritte zurücktrat, um sich die gerade Vollendete anzuschauen, die er „Der Strom“ nannte, weil sie so wie hingegossen dalag, dachte er sicher nicht daran, dass Axel Hinnen am 2.3. 1980 vier Schritte zurücktritt, um mit seiner Porst compact reflex von Maiolls Strom ein Königsbild zu machen …“

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

Zeitschriftenanzeige für Photo Porst, 1981

CREDITS

Auftraggeber: Photo Porst KG GmbH & Co
Agentur: GGK Düsseldorf
Kreativdirektor: Michael Schirner
Texter: Michael Schirner
Artdirector: Axel Hinnen
Fotograf: Chico Bialas
Grafiker: Günter Classen, Beate Lorber
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