IST GOETHE EINE CAMEL-PACKUNG?
Michael Schirner
Dass Ariel etwas anderes sein könnte als ein Tönnchen Vollwaschmittel, hochgehalten von jener Moraltheologin, die der Nation den Unterschied der Begriffe Sauberkeit und Reinheit beibringt, wissen heute bestenfalls Literaturhistoriker. Alle anderen wären ziemlich erstaunt, wenn man ih-nen erklärte, dass sie ihre Hemden mit Shakespeares Luftgeist waschen. Ariel und die vielen anderen massenkulturellen Helden der Kinder von Marx und Coca-Cola haben den Helden der zahnlosen Hochkultur nicht nur die Namen geklaut, sondern auch ihre gesellschaftlichen Rollen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, bedeuten die Welt schon lange nicht mehr. Theater findet nicht mehr im Theater statt. Theater ist Konsumtheater. Die Gesamtbevölkerung spielt täglich mit, live. Aus Kunst ist Leben geworden, aus Leben Kunst. Täglich ziehen wir unsere Päckchen Zigaretten, trinken unser Gläschen, und wenn wir überlegen, wann wir das letzte Mal im Theater waren – herrjeh. Ich dachte, schade eigentlich, dass es um die guten alten Goethes in den letzten Jahrzehnten so still geworden ist. Ich machte mich auf zu Goethes Grab, wühlte in der morschen Bücherkiste, fand ganz unten das kleine gelbe Reclam-Heftchen mit dem Titel »Die Mitschuldigen«, fragte den Meister, was er denn davon halte, mit mir gemeinsam Konsumtheater zu machen. Er war begeistert und gestand mir, würde er heute geboren, wäre er sowieso Werbetexter geworden. Und als wir gemeinsam überlegten, wie wir seine Mitschuldigen zeitgemäß aufführen könnten, sagte er, er könne sich nichts Schöneres vorstellen, als die Rolle des Alcest, die er früher selbst gespielt habe, von der DeBeukelaer-Prinzenrolle spielen zu lassen. Und wer spielt die Rolle des Wirts, fragte ich. Natürlich die Toilettenpapierrolle mit dem Namen Servus, meinte er, und den betrunkenen Söller könne wohl niemand besser spielen als ein Döschen Löwenbräu. Poly Diadem, die Bunte, das Aftershave von Care und die Feinen Klöße von Pfanni sollten auch mitspielen. Ich sprach mit Herrn Beelitz, dem Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses, und fragte die Schauspieler, ob sie in meiner Inszenierung von Goethes »Die Mitschuldigen« mitspielen wollten. Und nach einigen Wochen Diskussion willigten sie ein. Die Idee war, dass sie das Stück nicht in den traditionellen Kostümen spielen, sondern unter gigantischen Vergrößerungen von Verpackungen erfolgreicher Produkte. Am 14.05.1981 feierte ein volles Haus die Auferstehung Goethes, dessen klassische Rollen in einem dramatischen Akt eins wurden mit den neuen massenkulturellen Rollen bekannter Markenartikel. Dem Stück hatte ich den Titel »Ist Goethe eine Camel-Packung?« gegeben.
Ein Auszug:
Die Feinen Klöße von Pfanni (im Fond): Mein harter Vater bleibt auf dem verhassten Ton.
Die Servus-Toilettenpapierrolle (im Fond): Das Mädchen will nicht weichen.
Die Feinen Klöße von Pfanni: Da ist die Prinzenrolle von De Beukelaer.
Die Servus-Toilettenpapierrolle (erblickt die Prinzenrolle von DeBeukelaer): Aha!
Die Feinen Klöße von Pfanni: Es muss, es muss sich zeigen!
Die Servus-Toilettenpapierrolle (zu der Prinzenrolle von De Beukelaer): Mein Herr, sie ist der Dieb!
Die Feinen Klöße von Pfanni (auf der andern Seite): Er ist der Dieb, mein Herr!
Die Prinzenrolle von De Beukelaer (sieht sie beide lachend an, dann sagt sie in einem Tone wie sie, auf die Löwenbräu-Bierdose deutend): Er ist der Dieb!
Die Löwenbräu-Bierdose (für sich): Nun, Haut, nun halte fest!
Die Feinen Klöße von Pfanni: Er?
Die Servus-Toilettenpapierrolle: Er?
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Sie haben’s beide nicht; er hat’s!
Die Servus-Toilettenpapierrolle: Schlagt einen Nagel Ihm durch den Kopf, aufs Rad!
Die Feinen Klöße von Pfanni: Du?
Die Löwenbräu-Bierdose (für sich): Wolkenbruch und Hagel!
Die Servus-Toilettenpapierrolle: Ich möchte dich –
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Mein Herr, ich bitte nur Geduld! Die Feinen Klöße von Pfanni waren im Verdacht, doch nicht mit ihrer Schuld. Sie kamen, besuchten mich. Der Schritt war wohl verwegen; doch ihre Tugend darf’s – (zu der Löwenbräu-Bierdose) Sie waren ja zugegen!
(Die Feinen Klöße von Pfanni erstaunt): Wir wussten nichts davon, vertraulich schwieg die Nacht, die Tugend.
Die Löwenbräu-Bierdose: Ja, sie hat mir ziemlich warm gemacht.
Die Prinzenrolle von De Beukelaer (zur Servus-Toilettenpapierrolle): Doch Sie?
Die Servus-Toilettenpapierrolle: Aus Neugier war ich auch hinaufgekommen. Von dem verwünschten Brief war ich so eingenommen. Doch Ihnen, Herr Prinzenrolle von DeBeukelaer, hätt‘ ich’s nicht zugetraut! Dem Herrn Gevatter hab ich noch nicht recht verdaut.
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Verzeihn Sie diesen Scherz! Und Sie, Die Feinen Klöße von Pfanni, vergeben mir auch gewiss!
Die Feinen Klöße von Pfanni: Die Prinzenrolle von De Beukelaer!
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Ich zweifl‘ in meinem Leben an Ihrer Tugend nie. Verzeihn Sie jenen Schritt! So gut wie tugendhaft.
Die Löwenbräu-Bierdose: Fast glaub ich’s selber mit.
Die Prinzenrolle von De Beukelaer (zu den Feinen Klößen von Pfanni): Und Sie vergeben doch auch unserer Löwenbräu-Bierdose?
Die Feinen Klöße von Pfanni (geben ihm die Hand): Gerne!
Die Prinzenrolle von De Beukelaer (zur Servus-Toilettenpapierrolle): Allons denn! Die Servus-Toilettenpapierrolle (gibt der Löwenbräu-Bierdose die Hand): Stiehl nicht mehr!
Die Löwenbräu-Bierdose: Die Länge bringt die Ferne!
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Allein was macht mein Geld?
Die Löwenbräu-Bierdose: Oh Herr, es war aus Not. Der Spieler peinigte mich Armen fast zu Tod. Ich wusste keinen Rat, ich stahl und zahlte Schulden; hier ist das übrige, ich weiß nicht, wie viel Gulden.
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Was fort ist, schenk ich Ihm.
Die Löwenbräu-Bierdose: Für diesmal wär’s vorbei!
Die Prinzenrolle von De Beukelaer: Allein ich hoff, Er wird fein höflich, still und treu! Und untersteht Er sich, noch einmal Löwenbräu-Bierdose: Diesmal blieben wir wohl alle ungehangen.
Im Anschluss an die Aufführung fand auf der Bühne eine Podiumsdiskussion statt. Unter Moderation von Dittrich Zwätz, Wirtschaftswoche, diskutierten Professor Bazon Brock, Professor Manfred Friemert, der Schauspieler Volkert Martens und ich.
Ein Auszug:
Zwätz: Wir haben hier eben Teile von zwei Akten aus Goethes Jugendwerk „Die Mitschuldigen“ gesehen, in deren Uraufführung übrigens der Dichter den Alcest, die Rolle von Herrn Martens, gespielt hat, und wir sind zu dieser Veranstaltung gelockt worden von der provozierenden, der deutschen Bildungstradition richtig hohnsprechenden Zeile: „Ist Goethe eine Camel-Packung?“ Welche Folgen Goethe als Camel-Packung haben kann, sollen nun einige Kapazitäten hier besprechen. Ich möchte zum Anfang die Herren hier am Tisch bitten, ihre Eindrücke, ihre Gedanken zu dieser verfremdeten Aufführung der Mitschuldigen einmal kundzutun. Herr Brock!
Brock: Für mich hat das Stück nichts Beängstigendes. Es ist allerdings der Fall, dass Goethe und sonstige Meterklassiker als Camel-Packungen in die Regale gestellt werden. Das Stück selbst wäre, wenn es heute geschrieben worden wäre, ohnehin von Goethe für die Zeit von 18.00 bis 20.00 Uhr, also für das deutsche Werbefernsehen, geschrieben worden. Er hätte sicherlich überhaupt nichts gegen die Aufführung gehabt. Er hat eine Unzahl von Auftragsarbeiten gemacht, wie übrigens alle Künstler bis ins 19. Jahrhundert. Goethe ist sicherlich keine Camel-Packung, wenn man ihn nicht als solche benutzt. Das Faktum ist, dass man ihn, wie alle Gegebenheiten dieser Welt, dann wohl am richtigsten sieht in seiner Wirkung heute, wenn man das Schlimmste als das Normale annimmt, und das heißt, ihn als Camel-Packung zu sehen. Die schirnersche Neuinszenierung des Stücks, in dem man die individuellen Charaktere durch Produktnamen ersetzt, gibt einen sehr erhellenden Hinweis auf die Gegebenheiten in unserer Welt. Es ist geradezu tiefsinnig bedeutsam, wenn wir von einem solchen Produkt gesagt bekommen: ,,Hier haben wir es mit einem Fall zu tun, bei dem Nachdenken nicht mehr hilft. Jedes weitere Grübeln führt um so mehr in das Desaster.“ In der Tat, wer als einzelner noch versucht, sich dieser sehr viel bedeutsameren Rollenträger unserer Gesellschaft, eben dieser Produkte, mit dem Hinweis darauf zu erwehren, dass auch er Temperament habe, dass auch er Empfindungen habe, dann muss man ihm klarmachen, dass seine Temperamente, Empfindungen, Liebesgefühle und Eifersuchten vermittelt sind durch die Objekte, an denen nun mal Produktnamen hängen. Mit anderen Worten, ich sehe das Stück als eine sehr schöne Art der Aufklärung für das, was in unserer Welt der Fall ist, sehr begrüßenswert, auch in der Eindeutigkeit wie es abläuft.
Zwätz: Ja, fragen wir gleich den Schauspieler, was er dazu zu sagen hat. Wie hat er in die Rolle hineingefunden, als DeBeukelaer-Prinzenrolle hier auf der Bühne zu stehen?
Martens: Da ist nicht hineinzufinden. Die DeBeukelaer Prinzenrolle ist meiner Rolle übergestülpt. Ich glaube, dass Goethe, nachdem der Überraschungseffekt erloschen war, stärker ist als die Packungen. Ich konnte durch die Sehschlitze meiner Verpackung ein bisschen ins Publikum linsen, dabei habe ich festgestellt, dass nach einem Moment kurzer Erheiterung die Leute nur noch dem Text zugehört haben.
Zwätz: Der Text wurde also noch klarer?
Martens: Ja, ich glaube.
Zwätz: Herr Designtheoretiker.
Friemert: Es handelt sich offensichtlich um zwei verschiedene Strukturen. Ein Begriff wie Kommunikation fasst diese beiden nicht gleichermaßen. Es ist eine andere Kommunikation, die Goethe behandelt hat, als das, was zwischen diesen Packungen scheinbar passiert.
Zwätz: Also ich glaube, die Standpunkte sind klar, und ich glaube, wir sollten jetzt Herrn Schirner hören, der ja der Regisseur, der Initiator dieser Idee war.
Schirner: Für mich war das Stück eine Art Boxkampf zwischen der klassischen Kultur und der neuen Massenkultur. Wer gewonnen hat, Goethe oder die Verpackungen? Im ersten Akt hatte Goethe einen Platzvorteil. Er spielte auf eigenem Boden. Im zweiten Akt änderte sich das auf einen Schlag, die Packungen spielten Goethe an die Wand. Goethe, der alte Kulturdinosaurier, starb an seiner Größe und ist heute auferstanden und wiedergeboren worden als Camel-Packung.
(Applaus)
Zwätz: Herr Schirner, ich glaube, eins sollten sie noch einmal ausführen. Warum haben Sie gerade dem Alcest die Prinzenrolle umgehängt und dem anderen die Toilettenpapierrolle von Servus?
Schirner: Ich zitiere Herrn Oblau. Er ist der Marketingchef der Feldmühle, der verantwortlich ist für das Produkt Servus. Er sagte mir: ,,Es gibt keinen besseren Diener als Servus.“
(Applaus)
Martens: Es handelt sich hier nicht um einen Diener, sondern um einen Wirt. Das ist genau die nicht differenzierende, die vergröbernde Einstellung, aus der heraus auch solche Dosen und Verpackungen entstehen. Der Unterschied zwischen Wirt und Diener kommt mit den Packungen nicht heraus. Sie können mit den Packungen nur das Gröbste, das Einfachste, auf deutsch gesagt, das Primitivste ausdrücken. Wenn Sie differenziertere Strukturen und differenziertere Inhalte übermitteln wollen, kommen Sie mit den Packungen nicht mehr klar.
Brock: Das Problem liegt doch nicht in der Differenzierung zwischen Wirt und Diener. Wenn dieser Goethe-Text differenziert sein soll, ich bitte Sie. Das ist doch eine Loreromanhafte Schmiererei, hingeschludert, hingerotzt, fertig. Da ist nichts Differenzierendes dran. Das ist nach dem üblichen Strickmuster gemacht. Diese Strickmuster haben andere ebenso beherrscht, Hunderte von Leuten lassen sie bei jeder Gelegenheit los.
Schirner: Ich möchte das Stichwort Differenzierung aufgreifen. Das Wesen der Werbung ist Differenzierung. Heute, wo mehr und mehr Produkte sich immer ähnlicher werden und die Produkte sich in ihrer Substanz kaum unterscheiden, sind Verpackung, Design und Werbung die Mittel, die dazu dienen, Produkte zu unterscheiden. Was die Produzenten zur Unterscheidung ihrer Produkte einsetzen, nutzen die Konsumenten für sich. Sie suchen sich aus einer Vielzahl von Produkten dasjenige aus, das am besten zu ihnen passt und drücken sich damit aus. Das Päckchen ist so eine Art Ausweis ihrer Persönlichkeit. Dass Individuen sich mit Produkten ausdrücken, dass Produkte zum sozialen Rollenspiel gehören, habe ich mit diesem Theaterstück ausdrücken wollen.
Martens: Ich glaube, dass die Unterschiedlichkeit oder die Differenzierung dazu dient, das Gleiche auf unterschiedliche Art zu verkaufen. Wenn Sie Benzin nehmen, würden Sie doch nicht behaupten, dass Esso und Texaco etwas Unterschiedliches verkaufen. Sie verkaufen alle ein und dasselbe. Das sind dieselben Oktanzahlen und so weiter.
Brock (nimmt den Arm von Martens): Jetzt guck mal hier, Esso und BP, chemisch betrachtet sind wir beide 87 Prozent Wasser und Salz. Und trotzdem wollen Sie doch nicht behaupten, wir seien nicht zu unterscheiden oder wir sähen gleich aus.
Martens: Wir verkaufen nur kein Wasser.
Brock: Du verkaufst Dich, indem Du zum Beispiel die und die Kleidung trägst, die Du aus einer Unzahl von Dingen ausgewählt hast, weil sie zu Dir passtt. Und genau in diesem Sinne wird hier von Herrn Schirner über die Packung geredet.
(Applaus)
Michael Schirner, Werbung ist Kunst, Klinkhardt & Biermann, München 1988. S. 185 ff.
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