A-MÄNNER, B-MÄNNER

Hochschule für bildende Künste Hamburg, 1966

Michael Schirner, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, A-Männer, B-Männer, 1966, Installation Shot

REAL- UND IDEAL-BILD

Michael Schirner studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Schirner entwickelte mit Reihold Scheer und Götz Peter Reichelt die Medienkunstaktion A-Männer, B-Männer; Ziel war, alle Studierenden und Lehrenden der Hochschule zu verdoppeln und von den realen Personen (A-Männer) Idealbilder (B-Männer) zu erschaffen. In der Medienkunstaktion durchlief jedes reale Selbst mit seinem idealen Selbst Alltagssituationen und stellte dabei fest, wie man durch Situationen und die in ihnen erwartete Selbstdarstellung dazu gezwungen wird, von seinem B-Mann-Bild abzuweichen oder im Gegenteil, sich an sein Ideal-Ich anzupassen. Über 7 Tage lebten A-Männer mit ihren B-Männern zusammen, benutzten öffentliche Verkehrsmittel, machten Behördengänge, besuchten Kaufhäuser, Ausstellungseröffnungen, Nachtlokale, veranstalteten Partys, bewarben, verabredeten, verliebten und trennten sich. Bazon Brock dokumentierte die Aktion in einem Film fürs NDR-Fernsehen, Redaktion Kulturspiegel.

Aus dem Skript: Einstellung 3 zeigt die Verschmelzung von Real- und Ideal-Ich zum Typus der Berufsrolle (hier Koch), die B-Mann-Figur erhält Attribute (Mütze, Wischtuch) eines normierten Idealselbst, wie es der Beruf verlangt. Einstellung 4 zeigt, dass man nicht nur am eigenen Ideal-Ich orientiert ist, sondern auch am Idealbild der anderen. Zwei A-Männer spielen eine eheliche Bettszene, in der unter dem sich seitwärts abrollenden Gatten das Idealbild jenes Mannes erscheint, auf das die Frau sich in ihrer Vorstellung, durch ihren Mann hindurch, während der Liebesszene offensichtlich bezogen hat. Einstellung 5: In einem Fresko an der Wand des Veranstaltungsraums hat ein Künstler verschiedene historische Ideal-Ichs zu einer Gruppe Handelnder zusammengestellt. Die Teilnehmer üben sich durch Nachahmen in der Übernahme dieser fremderzeugten Ideal-Ichs. Einstellung 6: Die einzelnen Teilnehmer erfinden und manifestieren Situationen, in denen man sich allgemein gern auf sein Ideal-Ich beruft, um anderen ein ‚gutes Bild‘ von sich zu bieten und sie damit zu überzeugen. Jemand präsentiert z.B. sein Ideal-Ich mit seinen B-Mann vor einem Rednerpult. Was der von sich zu geben im Begriff ist, flüstert im (s)ein A-Mann ein. (In diesem Falle wird einem Ideal-Ich die Rede von dem Dozenten Brock eingeflüstert.) Überzeugungsabsichten, die nur von einem Ideal-Ich vertreten werden, enthüllen sich als Versuche, die Sprecherposition als Gewaltverhältnis auszunutzen (vergegenständlicht durch das Gewehr überm Katheder). Nach Durchlaufen einer Vielzahl von Positionen der Aktion werfen die Teilnehmer ihre Ideal-Ichs (B-Männer) in ein Massengrab. Das Opfern des Ideal-Ichs ist Voraussetzung, ein neues Ideal-Ich aufzubauen, mit dem man bei erneutem Durchlaufen der alltäglichen Lebenssituationen besser zurechtkommt.

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, A-Männer, B-Männer, 1966, Film still

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, B-Mann des Jahres, 1967, Insallationshot

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, B-Mann des Jahres, 1967, Insallationshot

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, A-Männer, B-Männer, 1966, Film still

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, A-Männer, B-Männer, 1966, Film still

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, A-Männer, B-Männer, 1966, Film still

Schirner, Scheer & Hajo, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Michael Schirner, Reinhold Scheer, Götz Peter Reichelt, B-Mann des Jahres, 1967, Insallationshot

B-MANN DES JAHRES

Hannover, 1967

WEGWERFBEWEGUNG

Zu Bazon Brocks Stück Wegwerfbewegung installierte Michael Schirner mit Reinhold Scheer und Götz Peter Reichelt im Bühnenraum der Kongresshalle Hannover raumgreifenden Aktionswände. Sie zeigten den B-Mann des Jahres in wechselnden Positionen und Situationen: Der B-Mann-Schieber teilte den B-Mann in drei Riegel; durch Verschieben der Riegel wurden Variationen der Identität demonstriert. Das B-Mann-Panorama hat Öffnungen für Körperteile von A-Männern, die so Teil der B-Welt des werden. B-Mann-Ballett zeigte Stellungen als Vorlage für A-Männer, die Positionen nachzustellten. Durch Drehen des B-Mann-Rades fällt ein Supermodel nach dem anderen in die Arme des B-Mannes.

 

JAYNE, OH JAYNE

HFBK Hamburg, 1967

 

DIE ABSCHAFFUNG DES TODES

Anlässlich des Todes von Jayne Mansfield errichtete Michael Schirner mit Reinhold Scheer und Götz Peter Reichelt in der Eingangshalle der HFBK Hamburg die Leidwand mit der Überschrift Jayne, oh Jayne. Ausdruck von Schmerz, darunter Reichelts Portraits von Studenten, die ihr Leid ausdrücke, links Scheers Umrisszeichnung eines Mannes im Sessel, über dem Jayne Mansfields Kopf schwebt, rechts Schirners Manifest: „Größer noch als beim Tod in Berlin, beim Tod in Jerusalem, beim Tod in Vietnam ist unser Schmerz beim Tod in Hollywood, wenn wir ein Stück unseres persönlichen Traums verlieren. Aber größer als unser Schmerz und unsere Verzweiflung angesichts des Todes wird unsere Forderung, den Tod nun endlich abzuschaffen. Oder wollt Ihr ewig sterben?“ Die FAZ veröffentlichte das Foto von Michael Schirner vor der Leidwand und kommentierte: „Die Abschaffung des Todes: Theodor W. Adorno hat diese Forderung vor fast vierzig Jahren bei einer Feier im Hochstift einmal den Ausgangspunkt für eine noch mögliche Metaphysik des Todes genannt … In dem Plakat gegen den Tod steckt der Aufruf an die Wissenschaft, die Natur ganz zu überwinden. Eine Forderung für das 21. Jahrhundert.“

 

KEIN KOSTÜMZWANG

HFBK Hamburg, 1968

 

LILALE 68

Die Studierenden der Hochschule wählten Michael Schirner zu ihrem Sprecher und Vorsitzenden des AStA. Er setzte beim Hamburger Senat durch, dass den Studenten der HFBK Hamburg als ersten deutschlandweit das Recht auf paritätische Mitbestimmung in allen Hochschulgremien eingeräumt wurde. Die Presse feierte das Hamburger Modell.

Als Vorsitzender des AStA wurde Michael Schirner organisatorischer Leiter des Künstlerfests der Hamburger Hochschule. Er konzipierte das LiLaLe 68 als Fest der Werbung, sein Motto: Kein Kostümzwang. Kostüme können an der Garderobe abgegeben werden. Seine Pressekampagne sorgte dafür, dass Tausende 5 Tagen und Nächten durchfeierten.

Presseecho: „Etliche Auftritte von Schauspieltruppen und Striptease, 5 Bands … Dem stark transpirierenden Sänger von „Shakespeare Unlimited“ kommen die Studenten entgegen: Sie installieren für ihn auf der Bühne eine Dusche“, „Busen aus Torten und Götterspeise werden verkauft, 50 Prozent aller Dekorationen sind essbar“, „Striptease-Arbeitsgruppen animieren zum Mitmachen. 25 Filmprojektoren berieseln Gäste mit Sex und anderem. 100.000 Mini-Tannen grünen im Superkino“, „Studenten laden zum Nacktfasching“, „Massen-Striptease beim LiLaLe“, „Monitor-Übertragung in und aus allen Räumen. Heiße Filme und heiße Musik sowie 150 Betten und Sofas“, „Hat die Schamlosigkeit noch Grenzen?“, „Schwimmbad und Sprungturm“, „Das wichtigste Requisit für die erhitzten Festbesucher: ein Schwimmbad mit dem Deutschen Meister im Tieftauchen als Bademeister. Am Beckenrand Grasmatten als künstliche Liegewiesen zum Ausruhen“, „Wer am meisten auszieht, ist am besten angezogen. Der Andrang zum Schwimmbassin war stark. Ohne Unterlass tummelten sich Nackedeis im Wasser und am Rand des Planschbeckens“, „St.-Pauli-Mädchen protestieren: Die Künstler gehen zu weit!“, „Der Hamburger, der die Sittenpolizei holte: Nackte Menschen? Ja! Aber das Sex-Gemälde NEIN!!!“, „Ich wollte keinen Skandal. Ich habe nichts gegen nackte Menschen. Ich wollte nur, dass dieses Gemälde auf dem Hamburger Künstlerfest beseitigt wird. Es ist keine Kunst, sondern Pornografie. Das sagte der Mann, der die Sittenpolizei zum LiLaLe schickte“, „Konflikte aus dem Konfliktraum“, „LiLaLe-Bilder sichergestellt!“, „Vorlage für die Sexgemälde: Beschlagnahmte Sex-Fotos“, „Die Fotos waren 1965 von der Kripo auf St. Pauli beschlagnahmt worden. Die Verkäufer der Fotos wurden wegen Verbreitung von Pornografien bestraft“,  „Auch die Maler müssen so bestraft werden wie die Verteiler der Fotos“, „Kripo-Direktor Herbert Heuer: „Nach den sexuellen Ausschweifungen auf dem Künstlerfest werden wir es schwer haben, sexuelle Intimitäten in anderen Lokalen zu unterbinden“, SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz: „Eine nüchterne, zutreffende Beurteilung der Situation, denn wie soll der Finanzbeamte fortan der registrierten Dirne noch ins Auge blicken, wenn er mit ihr zur Einkommensteuerveranlagung schreitet.“

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