TEXTE

BYE BYE

Michael Schirner

Katalog zur Ausstellung MICHAEL SCHIRNER, BYE BYE, Deichtorhallen Hamburg, 2010, Katalogbuch

MICH GIBT ES GAR NICHT

„Meine Kunst ist nicht mein Werk, sondern ganz allein deins. Du bist der Schöpfer der Bilder in deinem Kopf. Mich gibt es gar nicht. Die Arbeit, die Kunst macht, musst du, der Betrachter des Werkes tun.“

Michael Schirner

Markus Peichl eröffnet Pressekonferenz und Preview zur Ausstellung Michael Schirner BYE BYE in den Deichtorhallen Hamburg: „Die Bilder, die Sie hier sehen, sind nicht von Michael Schirner geschaffen, sondern sie entstehen in den Köpfen der Betrachter. Die Betrachter sind Schöpfer der Bilder. Er, Schirner, existiert nicht. Michael Schirner hat nicht in Hamburg Kunst studiert, er hat nicht bei Max Bill und bei Bazon Brock gelernt. Er hat nicht das Künstlerfest LiLaLe als seine Abschlussarbeit organisiert. Die Besucher und Studierenden haben sich dort nicht nackt ausgezogen. Er wurde darauf nicht von der Hochschule geschmissen. Michael Schirner ist darauf nicht in die Werbung gegangen. Er hat nicht in großen Agenturen wie Young & Rubicam und GGK gearbeitet. Auch nicht in eigenen Agenturen. Er hat auch nicht bahnbrechende Werbearbeiten hinterlassen. Nicht die Jägermeister-Kampagne, die den Älteren von Ihnen noch in Erinnerung ist. Nicht die Volkswagen-Kampagne. Auch nicht die Kampagne für IBM mit dem Wort schreibmaschinen, wo die Buchstaben i b m in dem Wort versal hervorgehoben wurden und der Rest gemischt geschrieben war. Michael Schirner ist nach seiner Werbearbeit nicht in die Kunst zurückgekehrt und hat nicht Professuren in Peking, nicht an der HfG und am ZKM in Karlsruhe und auch nicht in Bremen innegehabt. Er hat auch nicht für Gruner + Jahr die Serie „Bilder im Kopf“ entwickelt, in der er mit Worten bekannte Bilder beschreibt, die darauf im Kopf des Betrachters entstehen; andere Arbeiten wie die Bilder der Serie BYE BYE, Theateraufführungen im Schauspielhaus in Düsseldorf, Auftritte der Gruppe Pope – all das hat er, weil er ja nicht existiert, nicht gemacht. Ausstellungen und Bücher zeugen von seinen Phantomwesen. Was man von Michael Schirner sagen muss, ist, dass er wahrscheinlich der Einzige ist, der das Postulat, das irgendwann in den 80ern erhoben wurde, dass Werbung Kunst ist und Kunst Werbung, wirklich gelebt und ausgefüllt hat. Ich glaube, dass die Kuratoren der Deichtorhallen das mit der heutigen BYE BYE-Ausstellung wunderbar auf den Punkt gebracht haben.“

Im Katalog schreibt Oliver Koerner von Gustorf: „Der Tod der Anderen. Das Verschwinden von Original und Autor. Schirners Bilder wirken trotz ihrer Reduktion so unheimlich bekannt, weil wir sie reflexartig nach den Vorlagen in unseren Köpfen ergänzen, ihre Leerstellen ausfüllen. Wir sind also Mitautoren. Das Gefühl, dass sich etwas Gewaltsames zugetragen hat, kommt nicht von ungefähr. Denn tatsächlich ist der Tod auf sämtlichen dieser geisterhaften und häufig banal anmutenden Bilder präsent, sei es, weil es sich bei den Vorlagen um Aufnahmen handelt, die unmittelbar mit Katastrophen, historischer und politischer Gewalt in Zusammenhang stehen oder weil das Verschwinden von Menschen aus einem Foto der symbolischen Auslöschung der jeweiligen Person gleichkommt. Wenn vom Tod des Autors gesprochen wird und wir, wie Schirner es postuliert, die Autoren seiner Bilder sind, dann lässt er uns diesen Tod in unserer Imagination als den eigenen erleben. Indem Schirner die Indizien stattgefundener Gewalt, die Täter, die Opfer, die Akteure auslöscht, fordert er uns auf, ihre Stelle einzunehmen. Schirner eliminiert die Gewalt nicht aus der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, er bittet den Tod nur, für einen Augenblick zur Seite zu treten, damit unsere Imagination mehr Platz hat. So können wir uns vorstellen, wie tief wohl der Fall der Bauarbeiter war, die gerade noch ihr Butterbrot auf einem Stahlträger über den Straßenschluchten von New York gegessen haben, der jetzt leer in den Himmel ragt. Wir können wie Eichmann in einem Glaskasten in dem Jerusalemer Gericht sitzen und des Völkermordes angeklagt werden. Wir können mit der Hindenburg explodieren. Man sieht sich in der Gestalt von anderen quasi selbst beim Verschwinden zu – in Gedächtnisbildern, die uns in ihrer Anonymität und Leere das Drama unserer eigenen Sterblichkeit vor Augen führen.“

Hans Ulrich Reck, Professor der Kunstgeschichte und Medientheorie an der Medienkunsthochschule in Köln, schreibt in der internationalen Fotozeitschrift foam: „Dass Bilder erst wirklich ’sind‘, nämlich lebendig wirken, in einer aktuellen Wahrnehmung, gilt schlechterdings für alle Bilder. Besonders aber für diejenige Art von Bildern, die man als artifizielle Konstrukte bezeichnen kann. Bilder also, die nichts anderes sein wollen als ein Anstoß, ein Anlass oder Ausgangspunkt solcher Wahrnehmung.

Es handelt sich hier wesentlich um eine Errungenschaft der radikalen Moderne, die an die Stelle ritueller und auratischer, religiöser und sakraler Bilder die ästhetische Reflektion gesetzt hat. Diese aber keineswegs nur abstrakt, als philosophische Kategorie, sondern in poetischer Gestalt.

Seit, zum Beispiel Kasimir Malewitsch, bedeutet, Bilder zu sehen, sich zur eigenen Wahrnehmung in ein aktives Verhältnis zu setzen. Bedeutet, das Sehen zu sehen und die Wahrnehmung an den Mechanismen der Wirkung von Bildern zu betrachten.

Das Gefüge in der Verbindung zwischen Autor, Werk, Betrachter wird komplizierter. Die Bilder verlieren ihre bisherige Autorität und gewinnen neue Kraft. Sie verwandeln sich von Repräsentanten eines Sinns zu ‚Kraftwerken‘ einer Erfahrung. Es verschiebt sich im Zuge der modernen Poetik das Werk und die Autorität seines Erzeugers auf den Gang der Erfahrungen auf Seiten des Betrachters.
Die Bedeutung der Bilder ist ihr Gebrauch in der Gesellschaft. So könnte man bildtheoretisch Wittgensteins Auffassung vom Gebrauch der Sprache umschreiben. Auch für die Bilder gilt, dass sie nicht in ein einziges Sprachspiel aufgelöst werden können, sondern dass stets viele und diverse Formen und Weisen des Visuellen gegeben sind.

Schirners Werk legt folgende Diagnose nahe: Die schöpferischen Leistungen der Rezipienten müssen neu und angemessen auch in den Konsequenzen der Nutzung der Bilder im öffentlichen Gebrauch bewertet werden. Die Bilder sind öffentliche Medien geworden. Sie sind konsequent in ihrer öffentlichtkeitsmodellierenden Kraft zu erkennen und zu diskutieren. Künstler, die durch Bekanntheit ihrer Werke, also genuine Bild- und Werkerfindungen, in den Zirkulationsbereich strikter öffentlicher Bilder hineingehören, sind eben solche, die den Bestand der lebensweltlichen Kommunikation in ihre Bildfindungen einbeziehen. Das gilt für Picassos ‚Guernica‘ ebenso wie für die Werke der Pop Art. Und eben auch für Michael Schirner.

Man kann die Sachlage so zusammenfassen: Das 20. Jahrhundert hat den Betrachter als produktive, ja schöpferische Instanz in das Werk selber integriert. Das Werk verschiebt sich auf den Prozess, der Anspruch des Autors auf die Wirkweisen des Mediums. Kreieren bedeutet nun vorrangig: Inszenieren, Arrangieren, Edieren, immer wieder neu Thematisieren. Die Kräfte haben sich verschoben, das Dispositiv verwandelt.

Die privilegierte, ontologisch starre Position eines hierarchisch und autoritativ allem Prozessualen enthobenen, genuinen und originären Erfinders als Figur ‚des‘ Künstlers ist überholt. ‚Kunst ohne Werk‘, ‚Kunst ohne Künstler‘ sind entscheidende Stichworte der Beschreibung und Errungenschaften der Künste im 20. Jahrhundert.“

Hans Ulrich Reck schreibt, Schirners Werk lege folgende Diagnose nahe: „Die schöpferischen Leistungen der Rezipienten müssen neu und angemessen auch in den Konsequenzen der Bilder im öffentlichen Gebrauch bewertet werden.“

In diesem Sinne ruft Michael Schirner seiner Rede auf dem Symposion „Ephemer“ in der Kunsthalle Kiel auf zu einer Kulturrevolution der Wende zum Immateriellen und zitieren aus seinem Manifest zum Rezipienten als Produzenten:

„Wir fordern, dass unsere künstlerischen schöpferischen Leistungen als Rezipienten – Betrachter, Hörern, Leser, Nutzer etc. – von Werken Dritter nicht länger kostenpflichtig oder kostenlos sind, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen endlich angemessen für unsere Imagination, Phantasie- und Denkarbeit honoriert werden.

Das heißt, als Besucher von Museen müssen wir für die Betrachtung von Werken honoriert werden. Das gilt für alle Rezeptionsformen in Kunst, Kultur, Unterhaltung, Sport, Werbung etc.

Das heißt, in Theater, Konzert, Kino und bei allen Formen von Veranstaltungen werden wir für unsere geistigen und eigenschöpferischen Leistungen – wie bei den alten Griechen und in modernen Diktaturen – fürstlich bezahlt. Bei Veranstaltungen minderer Qualität – z.B. Politik und Werbung – stehen uns höhere Zahlungen als Schmerzensgeld zu.

Das Prinzip der Honorierung für unsere Rezeptionsleistungen gilt besonders für unsere Nutzung von Medienprodukten wie Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Fernseh- und Hörfunk- und Kinoprogrammen, audiovisuellen Datenträgern, sowie für aller Formen und Inhalte digitaler Medien.

Mit Freuden lesen wir, dass brasilianische Gefängnisinsassen vorzeitig freigelassen werden, wenn sie nachweislich täglich Bücher lesen und Buchbesprechungen verfassen. Wir sollten von Brasilien lernen.

Vor allem soll die geistige Arbeit des Lernens in der Ausbildung mit Geld gefördert werden.
Auszubildende, Schüler und Studierende müssen fürs Lernen bezahlt werden, statt Gebühren dafür zu zahlen oder kostenlos geistig zu arbeiten. Wir alle müssen für lebenslanges Lernen bezahlt werden.

Wer soll das bezahlen?

Um die Wende zum Immateriellen zu finanzieren, werden alle materiellen Güter und Leistungen mit einem Spitzensatz von 100% besteuert. So werden Produktion und Konsum von materiellen Gütern auf das Nötige begrenzt, was unserer Umwelt zugutekommt und unsere Ressourcen schont.“

Der Beitrag enthält Auszüge von Markus Peichls Einführung zur Eröffnung der Ausstellung Michael Schirner BYE BYE, 2010 in den Deichtorhallen, Oliver Koerner von Gustorfs Beitrag im Katalog Michael Schirner BYE BYE, 2010, Hans Ulrich Recks Beitrag zu Michael Schirners Pictures in our Mind in der Zeitschrift Foam 2012 und Michael Schirners Lecure Performance Mich gibt es gar nicht, gehalten auf dem Symposion der Muthesius Kunsthochschule in der Kunsthalle Kiel, 2012.

 

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