Texte

A-Männer, B-Männer

Michael Schirner, B-Männer, Medienkunst-Intervention, Installation Shot, Hamburg 1967

Schirner, Scheer & Hajo, A-Männer, B-Männer, Medienkunstaktion, Performance Shot, Hamburg 1967

Bröckchen, Bröckchen!
Oh Wunder, oh Wunder!

Michael Schirner

Mein Projekt »Werbung ist Kunst« setzte ich nicht nur mit den Mitteln der Konzeptkunst und der konkreten Poesie um, sondern auch mit von der Aktionskunst, dem Happening, der Performance abgeleiteten Formen, die im Grunde das sind, womit ich angefangen hatte, als ich Kunst studierte. Damit möchte ich beginnen. Dass ich Kunst studieren würde, war eigentlich immer schon klar. Eine Alternative gab es nie. Kunst war das einzige, was ich konnte. Ich habe aber nicht, wie meine Altersgenossen, an meiner künstlerischen Individuation gearbeitet, einen Stil oder eine Handschrift erarbeitet, mich quälerischen Selbsterforschungstechniken ausgesetzt. Dieses vielbelaberte Selbst interessierte mich überhaupt nicht. Das war an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, zu einer Zeit, als dort so verschiedene Temperamente aufeinander trafen wie Bazon Brock und Paul Wunderlich, die sich auf einer Treppe ungefähr so begegneten: Wunderlich sagte mit leicht hochgezogenen Brauen »Bröckchen, Bröckchen« und Brock »Oh Wunder, oh Wunder«. Das war 1967. Die Politisierung begann: Mein Beitrag dazu war, dass ich als AStA-Vorsitzender das sogenannte »Hamburger Modell« durchsetzte. Das bedeutete, dass den Studenten der Hochschule Mitbestimmung bei allen wesentlichen Entscheidungen zugestanden wurde, jedoch auf Probe. Zu den Aufgaben des AStA-Vorsitzenden gehörte auch die Organisation des traditionellen Festes der HFBK, das »LiLaLe« hieß. Das war ein Künstlerfest und für die Hamburger eins der wichtigsten gesellschaftlichen und kulturellen Ereignisse des Jahres. Das Fest, das ich 1968 konzipierte und organisierte, sollte das letzte werden, das es in Hamburg gab.

Eine Idee für unser »LiLaLe« war es, Werbung in die Dekoration einzubeziehen. Sämtliches Werbematerial, was wir kriegen konnten – Packungen, Plakate, Filme etc. – war Material für die Ausgestaltung der gesamten Hochschule. Bei dieser Idee kam natürlich einiges zusammen: Ideen Brocks von der Masse- und Konsumkultur, meine Ideen von Werbung als künstlerischem Kommunikationsfaktor sowie Teile von Pop-Art-Ideen, die damals im Schwange waren.

Wichtig für das Fest war mein Konzeptsatz, das Motto, der Slogan der Veranstaltung, an dem mir klar wurde, wie medienwirksam eine Aussage sein kann. Dieser Slogan lautete: »LiLaLe, Kostümfest – kein Kostümzwang, das heißt, Kostüme können an der Garderobe abgegeben werden«. Und das sollte heißen, die Besucher konnten nackt kommen, wenn sie wollten. Und so wurde es auch verstanden. Zum einen von der Presse, die sich darauf stürzte, zum anderen von den Hamburgern, die tatsächlich nackt kamen. Die Bild-Zeitung hatte uns dabei in unschätzbarer Weise unterstützt, indem sie das potentiell Skandalöse an dem Konzeptsatz immer wieder hervorhob, zunächst neugierig und mit freundlicher Anteilnahme, später – nach dem Fest – entrüstet. Die Quick nahm das Fest zum Anlass, über den Verfall der Sitten in Deutschland zu lamentieren, was ihr den Vorwand lieferte, im Heft jede Menge Nackte abzubilden. Die Bild-Zeitung ist sogar soweit gegangen, die Prostituierten in St. Pauli zu fragen, was sie denn davon halten, dass die Kunststudenten so was machen. Und die haben sich empört: »Die dürfen in aller Öffentlichkeit, was wir nicht mal im Auto auf dem Rücksitz dürfen.« Und so weiter. Es war wunderbar. Das Fest dauerte vier Tage und vier Nächte, und währenddessen erschienen fortgesetzt Zeitungen, die über den Stand der Dinge berichteten, Nackte hier, Nackte da, zu einer Zeit, in der eine Sexwelle noch nicht in Sicht war. Schließlich tat ihnen und uns dann ein 30-jähriger Kneipenbesitzer noch den Gefallen, wirklich entrüstet zu sein und nach der Justiz zu schreien. Der Mann gab an, zwar kein Kind von Traurigkeit zu sein und das Fest besucht zu haben, um einen loszumachen, als er aber einige – seiner Meinung nach pornographische – Gemälde dort gesehen habe, sei er so schockiert gewesen, dass er nach der Polizei hätte rufen müssen. Dabei waren das völlig harmlose Fellatio-Bilder, nichts gegen das, was schon Jahre zuvor zum Beispiel Wiener Aktionisten gemacht hatten.

Nach vier Tagen und Nächten, in denen sich Skandale und Skandälchen gehäuft hatten und in denen tatsächlich ununterbrochen gefeiert wurde, war es vorbei und Hamburg wachte entsetzt auf. Die Stadtverwaltung verbot das Fest fürderhin, vorgeblich wegen baulicher Mängel des Schulgebäudes am Lerchenfeld, aber in Wirklichkeit aus Angst vor weiteren Skandalen. Gerhard Mauz hat im Spiegel das ganze Hin und Her noch einmal zu einem Sittengemälde der Stadt Hamburg zusammengefasst. Mir war klar, dass es Zeit war, die Hochschule zu verlassen. Das »LiLaLe« war eine schöne Abschlussarbeit gewesen.

Die gesamte Dokumentation des Fests nahm ich in meine Unterlagen für die Bewerbung in Werbeagenturen auf. Es war dies meine zweite Bewerbung. Das erste Mal hatte ich mich mit Werbung an der Kunstschule beworben und formuliert, dass Werbung Kunst sei; jetzt versuchte ich zu erklären, dass Aktionskunst eine Form der Werbung sei. In meiner Bewerbungsmappe fanden sich noch weitere Beispiele von Aktionen:

An der Hochschule entwickelte ich mit Freunden Reinhold und Hajo die Medienkunstaktion „A-Männer, B-Männer“; Ziel war, alle Studierenden und Lehrenden zu verdoppeln, indem wir von den realen Personen (A-Männer) lebensgroße Idealbilder (B-Männer) erschufen. Jedes reales Selbst durchlief mit seinem idealen Selbst Alltagssituationen und stellte dabei fest, wie man durch Situationen und die in ihnen erwartete Selbstdarstellung gezwungen wird, von seinem B-Mann-Bild abzuweichen oder im Gegenteil, sich an sein Ideal-Ich anzupassen. Über 7 Tage lebten A-Männer mit ihren B-Männern zusammen, benutzten öffentliche Verkehrsmittel, machten Behördengänge, besuchten Kaufhäuser, Ausstellungseröffnungen, Nachtlokale, veranstalteten Partys, bewarben, verabredeten, verliebten und trennen sich. Bazon Brock dokumentierte die Aktion in einem Film fürs NDR-Fernsehen, Redaktion Kulturspiegel: Eine Einstellung zeigt die Verschmelzung von Real- und Ideal-Ich zum Typus der Berufsrolle (hier Koch), die B-Mann-Figur erhält Attribute (Mütze, Wischtuch) eines normierten Idealselbst, wie es der Beruf verlangt. Eine Einstellung zeigt, dass man nicht nur am eigenen Ideal-Ich orientiert ist, sondern auch am Idealbild der anderen. Zwei A-Männer spielen eine eheliche Bettszene, in der unter dem sich seitwärts abrollenden Gatten das Idealbild jenes Mannes erscheint, auf das die Frau sich in ihrer Vorstellung, durch ihren Mann hindurch, während der Liebesszene offensichtlich bezogen hat. Eine andere Einstellung: In einem Fresko an der Wand des Veranstaltungsraums hat ein Künstler verschiedene historische Ideal-Ichs zu einer Gruppe Handelnder zusammengestellt. Die Teilnehmer übten sich durch Nachahmen in der Übernahme dieser fremderzeugten Ideal-Ichs. Einstellung: Die einzelnen Teilnehmer erfinden und manifestieren Situationen, in denen man sich allgemein gern auf sein Ideal-Ich beruft, um anderen ein ‚gutes Bild‘ von sich zu bieten und sie damit zu überzeugen. Jemand präsentierte z.B. sein Ideal-Ich mit seinen B-Mann vor einem Rednerpult. Was der von sich zu geben im Begriff ist, flüstert im (s)ein A-Mann ein. Überzeugungsabsichten, die nur von einem Ideal-Ich vertreten werden, enthüllten sich als Versuche, die Sprecherposition als Gewaltverhältnis auszunutzen (vergegenständlicht durch das Gewehr überm Katheder). Nach Durchlaufen einer Vielzahl von Positionen der Aktion warfen die Teilnehmer ihre Ideal-Ichs (B-Männer) in ein Massengrab. Das Opfern des Ideal-Ichs ist Voraussetzung, ein neues Ideal-Ich aufzubauen, mit dem man bei erneutem Durchlaufen der alltäglichen Lebenssituationen besser zurechtkommt.

Anlässlich des Todes von Jayne Mansfield errichteten wir in der Eingangshalle der HFBK Hamburg die Leidwand mit der Überschrift „Jayne, oh Jayne. Ausdruck von Schmerz“, darunter Portraits von Studenten, die ihr Leid ausdrücke, links die Umrisszeichnung eines Mannes im Sessel, über dem Jayne Mansfields Kopf schwebt, rechts mein Manifest: „Größer noch als beim Tod in Berlin, beim Tod in Jerusalem, beim Tod in Vietnam ist unser Schmerz beim Tod in Hollywood, wenn wir ein Stück unseres persönlichen Traums verlieren. Aber größer als unser Schmerz und unsere Verzweiflung angesichts des Todes wird unsere Forderung, den Tod nun endlich abzuschaffen. Oder wollt Ihr ewig sterben?“ Die FAZ veröffentlichte das Foto von mir vor der Leidwand sitzend und kommentierte: „Die Abschaffung des Todes: Theodor W. Adorno hat diese Forderung vor fast vierzig Jahren bei einer Feier im Hochstift einmal den Ausgangspunkt für eine noch mögliche Metaphysik des Todes genannt … In dem Plakat gegen den Tod steckt der Aufruf an die Wissenschaft, die Natur ganz zu überwinden. Eine Forderung für das 21. Jahrhundert.“

 

Michael Schirner, Werbung ist Kunst, mit einer Einführung von Hans Ulrich Reck und einem Titelbild von Albert Oehlen, Klinkhardt & Biermann, München 1988. Für den Beitrag wurden Passagen aus dem Buch überarbeitet und ergänzt.

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